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Zweiter Abschnitt: Der Staat
gebenenfalls Bürger. Heute ist er zunächst und ohne weiteres Bürgerund als solcher mit einem Teilchen seines Ichs Wähler, Steuerzahler,Kartellmitglied, Mitglied einer Molkereigenossenschaft usw.
b) Jeder verfolgt seine „Interessen“. Will sagen:die „gemeinschaftlich“-solidarischen Bindungen, die auf dem Grund-sätze ruhten: „alle für alle“ sind beseitigt und führen nur innerhalbder Familie noch ein ziemlich kümmerliches Dasein, das langsamaber unabänderlich seinem Ende zuzugehen scheint. Vielmehr stehendie Einzelnen im „gesellschaftlich“-vertraglichen Verhältnisse zuein-ander und huldigen dem Grundsätze: „jeder für sich“. Das bedeutetaber nichts anderes als dieses, daß die Menschen durch „Interessen“irgendwelcher Art (das heißt aus Eigennutz fließenden Zwecksetzungen)nicht mehr durch Gefühle, Sympathien, Pflichten untereinander ver-bunden sind.
c) Der Staat steht diesem Interessenkampf„schwach“ gegenüber. Es herrscht die Neigung vor, denstärkeren Interessengruppen nachzugeben, schließlich also dieStaatsleitung oder wenigstens die Beeinflussung dieser Staatsleitungden Vertretern der stärksten Interessengruppe zu überantworten. Alshöchstes Ideal der inneren Staatspolitik erscheint allenfalls ein „Aus-gleich“ der verschiedenen Einzel- oder Gruppeninteressen oder die„Wohlfahrt“ der einzelnen Staatsbürger. Das heißt eben: die Ein-stellung des Staates ist, was sein Verhalten im Innern anbetrifft, aus-gesprochen nommalistisch-individualistisch.
3. Nach etwas andern Grundsätzen gestaltet sich die aus-wärtige Politik des Staates. Diese ruht formal auf dem Souve-ränitätsprinzipe, das im wesentlichen einer realistischen Auffassungdes Staates entspricht. Inhaltlich aber ist die moderne Staatspolitikin ihrem Verhalten nach außen zwiespältig. Teilweise ist sie unzweifel-haft realistisch, das heißt vom Ganzen bestimmt, auf das Ganze blickend,teilweise aber ebenso unzweifelhaft nominalistisch: im Banne vonTeilinteressen einzelner Gruppen.
Diese in groben Strichen entworfene Skizze von den Grundzügen desmodernen Staates wird etwas mehr Substanz erhalten und deutlicherwerden, wenn wir nunmehr die Maßnahmen des modernen Staatesauf dem Gebiete der inneren und der äußeren Politik in ihren Einzel-heiten kennen lernen werden.