Siebentes Kapitel: Der neue Geist
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Durch die Doppelsinnigkeit des Wortes Erfindung werden wir aufdie Tatsache hingewiesen, daß auch das Problem des Zustandekommensvon Erfindungen ein doppeltes ist, daß eine Erfindung aus dem Zu-sammenwirken eines persönlichen und eines sachlichen Faktors her-vorgeht, daß ihre Entstehung von subjektiven und objektiven Be-dingungen abhängt.
Wenn wir uns nun die Frage stellen: wie kommen Erfindungenzustande, das heißt also: welche Bewegungsgesetze beherrschen diematerielle Kultur der Menschen, so müssen wir uns bewußt werden,daß man diese Frage in sehr verschiedener Weise beantworten kann(und beantwortet hat). Man kann nämlich feststellen: entwederdie Bedingungen und Vorgänge, die bei allen Erfindungen, zu a 11 e nZeiten, bei allen Völkern erfüllt sein müssen bzw. sich beobachtenlassen oder diejenigen, die bestimmten Völkern (Rassen, Nationen)oder diejenigen, die bestimmten Zeitaltern (Kulturphasen) eigen-tümlich sind.
Am häufigsten ist die Frage nach dem Zustandekommen von Er-findungen im ersten Sinne gestellt worden. Wir besitzen eine statt-liche Literatur, namentlich amerikanischer Herkunft, in der die all-gemeinen Begleiterscheinungen und Voraussetzungen des Erfindensdargelegt werden, ein „Erfindungstrieb“ =instinct of contrivance alsder Erreger nachgewiesen wird und die Ergebnisse der Untersuchungenan Beispielen aus allen Zeiten und Orten von dem Pithekanthroposbis Edison nachgeprüft werden. Ein ziemlich unfruchtbares Beginnen.Denn man kommt, wenn man Irrtümer vermeiden will, über nichts-sagende Allgemeinheiten nicht heraus. Der Grundfehler dieses Ver-fahrens besteht darin: eine allerzeits und allerorts gleiche Ein-stellung zum Erfindungsproblem anzunehmen. Das Gegenteil ist richtig.
Man vermeidet diese tötende Allgemeinheit, wenn man sein Augen-merk richtet auf das verschiedene Verhältnis, in dem die verschiedenenVölker zum Erfindungswesen stehen. Ein sehr interessantes, aber, wiees scheint, fast unlösbares Problem. Haben doch dieselben Völker zuverschiedenen Zeiten in ganz verschiedener Weise sich als Erfinder be-tätigt, haben sie doch in verschiedenen Epochen der Geschichte einesehr verschiedene Begabung für und Hinneigung zu Erfindungen gezeigt.
So wird z. B. von patriotisch gesinnten Engländern ihrem Volke eineganz besonders starke Erfinderfähigkeit zugesprochen. Der genialen Ver-anlagung der Engländer auf technischem Gebiete soll vor allem der großeindustrielle Aufschwung um die Wende des 18. Jahrhunderts zuzuschreiben
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