306
Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
la plus terrible catastrophe qui soit jamais arrivee daus le Monde.“Und diese Feststellung wird nun zur Veranlassung, nach den Gründendieser beklagenswerten Erscheinung zu suchen, die offenbar beruht aufeinem ,,vice interieur, un venin secret et cache, une maladie de langueur,qui afflige la nature humaine“. Die folgenden Briefe versuchen dieAntwort auf die Frage nach den Ursachen der Entvölkerung zu geben.Dabei ist der Leitgedanke der: ,,tu cherches la raison pourquoi laterre est moins peuplee qu’elle ne l’etait autrefois: et si tu y fais bienattention, tu verras que la grande difförence vient de celle qui estarriv4e dans les mceurs“ (114). Solche Bemerkimgen wie diese: „laf6condit6 d’un peuple depend quelquefois des plus petites circonstancesdu monde, de maniere qu’il ne faut souvent qu’un nouveau tour dansson imagination, pour le rendre beaucoup plus nombreux qu’il n’6tait“(119) — enthielten wertvolle Ansätze zu einer erschöpfenden Er-örterung des Bevölkerungsproblems.
Anknüpfend an Montesquieu behandelt den Gegenstand in geist-reichster Weise der ausführliche Artikel „Population“ in der Ency-clopedie. Auch Quesnay wußte sehr interessante „Fragen“ nach denUrsachen der Bevölkerungsbewegung zu stellen, in denen er seinenweiten geschichtlichen Blick offenbart. Siehe die „Questions interes-santes sur la population, l’agriculture et le commerce“ in der Ausgabevon Auguste Oncken (1888), 263 ff.
Die Lage änderte sich mit dem Beginne der hochkapitalistischenEpoche von Grund aus; man kann sagen: Meinungen und Taten ver-kehrten sich in das Gegenteil. Zwar hörten die Klagen der Unternehmerüber Mangel an Arbeitskräften, und namentlich an geeigneten Arbeits-kräften, nicht auf. Wir werden im weiteren Verlauf der Darstellungdiesen Klagen häufig begegnen. Aber die Stellung der Theoretikerund der Staatsmänner war eine andere geworden: sie kümmerten sichum die Klagen der Unternehmer nicht mehr. Sie ließen sie allein inihrer Not, und die Staatsmänner verwiesen sie auf den Weg der Selbst-hilfe. Diese veränderte Stellung war nun gewiß zum guten Teil Wirkungder veränderten wirtschaftspolitischen Grundgesinnung: der liberaleDoktrinarismus begann sich fühlbar zu machen. Aber zu einem ebenso-großen Teile war sie der Ausfluß eines Wandels in der Beurteilungdes Arbeiterproblems selbst. Hatte man dieses in den vorhergehendenJahrhunderten darin erblickt, daß zu wenig Arbeitskräfte da seien, sofand man jetzt, daß genug, ja sehr bald: daß zu viel Arbeitskräfte— Menschen überhaupt — im Lande seien. Die Theoretiker suchten