Druckschrift 
3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
Seite
307
Einzelbild herunterladen
 

sssm

ZESaSSSä KHBHE

'4ff>»»*'

.*«* rrl

Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie 307

nun nicht mehr nach den Gründen, warum so wenig, sondern warumso viel Menschen auf der Welt seien, und die Praktiker erwogen nichtmehr Maßnahmen, mittels deren die Bevölkerung vermehrt werdenkonnte, sondern höchstens solche, die eine weitere Vermehrung hintan-zuhalten oder doch das Land von dem Überschuß zu befreien ge-eignet seien.

Anlaß zu dieser Achsendrehung der Meinungen boten gewisse Über-völkerungserscheinungen auf dem flachen Lande, namentlich in Groß-britannien, denen wir in ihrer Tatsächlichkeit und Ursächlichkeit späternachgehen werden. Diese in England durch ganz besondere Gesetz-gebungsmaßregeln verschärften Übervölkerungserscheinungen sind esdenn auch offenbar gewesen, die Robert Malthus den TraumGodwins als ganz besonders töricht und gefährlich erscheinen ließenund ihn dazu bewogen, das luftige Gebäude seiner Bevölkerungs-theorie auf die grüne Wiese hinzustellen. Was Malthus schuf, wardie erste ausgebaute allgemeine Bevölkerungstheorie, oderbesser: Übervölkerungstheorie auf naturalistischer Grund-lage. Das Problem wird im wesentlichen als ein biologisches gefaßt,und in dem Zeugungsoptimismus, dem der Verfasser dieser Theoriehuldigt, gehen die früheren bevölkerungspolitischen Probleme, geht vorallem auch das Problem der Arbeiterbeschaffung völlig unter. Es wirdals feststehende Tatsache angenommen, daß die Natur zu allen Zeitenund an allen Orten reichliches und überreichliches Menschenmaterialliefert, so daß auch der Kapitalismus stets aus einem vollen, sichimmer wieder füllenden Fasse schöpfen könne, wenn es ihm darauf an-komme, die Reihen seiner Lohnarbeiterschaft zu schließen. Die plumpeThese, daß überall dieselbeTendenz zur Bevölkerungsvermehrungherrsche, mußte aber auch alle die Ansätze zu einer ursächlichen Er-klärung der Bevölkerungsbewegung, die wir bei den Theoretikern des18. Jahrhunderts finden, im Keime ersticken. Ein Jahrhundert langhat die MalthusscheTheorie jede sinnvolle Erörterung des Be-völkerungsproblems hintangehalten.

Daß die Malthussche Theoriefalsch sei, oder um es in derklassisch gewordenen Formel auszudrückendaß Robert Malthus in allem Wesentlichen nicht recht behält, sollte auch von denMalthusianern heute nicht mehr bestritten werden. Denn das, wasWahrheit in dem Gedankengewirre dieses Erzkonfusionarius ist: daßder Nahrungsspielraum die Bevölkerungsmenge beschränkt, hat mitder Malthusschen Theorie nichts zu tun. Und die andere Wahrheit:

20 *