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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
daß die Menschheit heute — am Ende des hochkapitalistischen Zeit-alters — an die Schranke des Nahrungsspielraums stößt, konnteMalthus zu seiner Zeit nicht einmal ahnen. Statt nun aber diese Wahr-heiten in ein kulturwissenschaftliches Gewand zu kleiden, das heißt inihrer geschichtlichen Bedingtheit zu erfassen und demgemäß zu be-gründen, schuf er jene allgemeine, naturalistische Theorie, die unshundert Jahre lang das Problem verdunkelt hat. Die „Fehler“ dieserTheorie, die, wie gesagt, alle in ihrem Naturalismus gründen, liegenallzu offen zutage. Ich stelle sie noch einmal zusammen.
1. In unerträglicher Weise werden die Begriffe „Gesetz“ und„Tendenz“ durcheinandergewirrt. Also ein hypothetisches Urteil, indem die funktionelle Verknüpfung bestimmter Größen behauptet wirdund ein faktizisches Urteil, in dem entweder der historische Ablaufbestimmter Erscheinungen oder der wahrscheinliche Verlauf einer zu-künftigen Entwicklung zur Feststellung gelangen. Daß ein „Gesetz“niemals (das gilt sogar für die naturwissenschaftlichen Gesetze) auchnur die geringste Aussage über die Wirklichkeit enthält, ist Malthus und seinen blinden Anhängern offenbar gar nicht zum Bewußtseingekommen.
2. Will man die „Gesetze“ formen, die in dem MalthusschenWust angedeutet sind, so kommt man zu folgenden drei Hauptsätzen:
a) Wenn die Bevölkerung rascher wächst als der Nahrungs-spielraum, wächst sie über diesen hinaus.
b) Wenn aus irgendwelchen Gründen die Bevölkerungszunahmeentsprechend der Größe des Nahrungsspielraums beschränkt wird,bleibt ihre Menge innerhalb der Grenzen des Nahrungsspielraums.
c) Wenn diese vorherige Beschränkung nicht stattfindet und mehrPersonen da sind, als leben können, müssen sie sterben.
Über die „Richtigkeit“ dieser Gesetze wird kein Zweifel herrschenkönnen, ebensowenig wie über ihre völlige Leerheit. Es sind nicht einmalanalytische, es sind einfach identische Sätze. Truism. Binsenwahrheiten,zu deren Feststellung es keiner dreibändigen Theorie bedurft hätte.
Aber — so werden Unbekehrbare einwenden: Malthus hat keine„Gesetze“ (hypothetische Urteile), sondern „Tendenzen“ (faktizischeUrteile) gelehrt. Was ist es mit diesen „Tendenzen“ ?
3. Die „Tendenzen“, deren Bestehen Malthus behauptet, sinddreifacher Art: Tendenzen der Bevölkerungsbewegung, Tendenzen inder Gestaltung des Nahrungsmittelspielraums und Tendenzen, die sichaus der Vereinigung jener beiden andern Tendenzen ergeben. Nun muß