Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie
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aber mit aller Entschiedenheit festgestellt werden, daß es allgemeine— das heißt im Wesen der Erscheinung begründete und darum zu allenZeiten und an allen Orten gleiche — Tendenzen weder in der Be-völkerungsbewegung noch in der Gestaltung des Nahrungsmittel-spielraums und somit auch in der Vereinigung beider nicht gibt.
Wir wissen heute, daß die Zunahme der Bevölkerung — ganzunabhängig vom Nahrungsspielraum — ihren eigenen Bedingungenunterworfen ist, und daß diese ebensogut einer Vermehrung (in ganzverschiedenen Raten) oder einer Verminderung oder einem Stillständegünstig sein können. Es ist eine aller Erfahrung widersprechende An-nahme, daß zu jeder Zeit und an allen Orten — die Möglichkeit derErhaltung gegeben — eine rasche Vermehrung der Menschen — vonder geometrischen Progression ganz zu schweigen — stattfinden müsse.Es ist unzulässig, in allen Beschränkungen der Fortpflanzung nurökonomische Beweggründe zu sehen; der Gedanke kann nur von einemAnhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, der Malthus im Grunde war, gedacht werden.
Aber vir wissen heute ebensogut, daß auch in der Gestaltung desNahrungsspielraums zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenenOrten ganz verschiedene „Tendenzen“ herrschen. Wir wissen, daß dasGesetz vom abnehmenden Ertrage (aller wirtschaftlichen Tätigkeit)zuweilen wirksam ist, zuweilen nicht, daß in jenem Falle also derNahrungsspielraum nicht wächst, in diesem Falle aber sehr wohl.
Was bleibt also von den „Tendenzen“ im Malthusschen Systemeübrig, wenn wir an ihre Prüfung mit unserm heutigen Wissen heran-treten ? Will man ihnen die allgemeine Form geben, die Malthusihnen geben möchte, so müssen sie so ausgedrückt werden:
a) Manchmal besteht die Tendenz der Bevölkerung, zu wachsen,manchmal, stabil zu bleiben, manchmal, sich zu verringern.
b) Manchmal besteht die Tendenz, daß der Nahrungsspielraum ein-schrumpft, manchmal, daß er derselbe bleibt, manchmal, daß er sichausweitet.
c) Manchmal also wird die Bevölkerung die Tendenz haben, denNahrungsspielraum zu überschreiten, manchmal, ihn auszufüllen,manchmal, hinter den Möglichkeiten, die ihr der Nahrungsspielraumgewährt, zurückzubleiben.
Man sieht: auch diese Feststellungen enthalten nicht allzuviel Er-kenntnis.