Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 335
Mithin Besitzveränderungen überhaupt 23 654, das heißt 200,9 %, wovon,wie ersichtlich, weit über die Hälfte freiwillige Besitzveränderungensind. K. Rodbertus , Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot desGrundbesitzes, I (1876), Anhang.
Von den größeren Gütern Ostpreußens gehörten 1885 nur 154 oder12,8% zum „alten“ Grundbesitz, das heißt waren länger als 50 Jahre ineiner Familie. Also hatten seit 1835 77,2% ihren Besitzer gewechselt.J. Conrad, Agrarstatistische Untersuchungen in seinen Jahrbüchern, III,F. 2, 831.
Die Geldmittel, die Wirtschaft zu intensivieren, standen eben reichlichzur Verfügung. Da waren zunächst die Ablösungssummen, die die befreitenBauern zu bezahlen hatten; man hat ihren Betrag im alten Preußen auf260 Millionen Mark berechnet. Dann aber setzte die Verschuldung desGrundbesitzes ein, die in Deutschland — im Gegensatz zu England, indem das Pachtverhältnis vorherrschend war — die Form war, die Land-wirtschaft mit Kapital zu befruchten.
So betrug beispielsweise die Höhe der Pfandbrief schuld in den altenpreußischen Provinzen:
1805 = 53891638 Taler,
1825 = 83141365 „
1845 = 108415763 „
1867 = 186601893 „
Jahrbuch für die amtliche Statistik des preußischen Staates I (1863),179; III (1869), 85.
In den Jahren 1865 bis 1875 stieg dann die Verschuldungshöhe umweitere 123 Millionen Taler, in den Jahren 1875 bis 1885 abermals um132 Millionen Taler. H.St, l 1 , 58.
Für die Anfänge der modernen landwirtschaftlichen Entwicklung, ins-besondere für die 1840 er und 1850 er Jahre liegt über sechs Kreise ver-schiedener preußischer Provinzen eine im Justizministerium gefertigtegenaue Nachweisung aller Hypothekenschulden vor, die folgendes Bild gibt.Es betrug in jenen sechs Kreisen die Schuldenlast sämtlicher Güter, derenHypothekenverhältnisse klar ersichtlich waren:
1837 = 5498284 Taler,
1847 = 8787280 „
1857 = 11076974 „
Sie erlitt also eine Verdoppelung in zwanzig Jahren. Jahrbuch 1, 185.
So darf es uns nicht wundernehmen, wenn wir in den nächsten beidenMenschenaltern nach den Freiheitskriegen in allen Teilen Deutschlands von einer Bewegung zur Aufsaugung kleiner Wirtschaften durchdie Großen hören. In Hessen „entstanden größere Betriebe, wie sie vorhernie in diesen Gegenden bestanden hatten“. Die Abnahme der selbständigenBauern betrug in Oberhessen von 1846 bis 1856 mehr als 7%. Ganze Dorf-schaften verschwanden. InHübners Jahrbuch für Volkswirtschaft und Sta-tistik (1855) heißt es z. B., daß Ende 1853 dasDorf Wernings seit 8—10 Jahrenganz verschwunden sei, da die Bauern ihre Besitzungen an den Grafen