Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 339
aus gewerblicher Tätigkeit ermöglicht worden ist. Was von der länd-lichen Zuwachsbevölkerung nicht auf Neuland abgeschoben werdenkonnte, mußte, soweit nicht eine Herabdrückung der Lebenshaltungals Auskunftsmittel gewählt wurde, bei der geringen Aufnahmefähigkeitder Städte und der geringen Entwicklung der landwirtschaftlichenTechnik durch Verwertung seiner Arbeitskraft mittels gewerblicherTätigkeit sich am Leben zu erhalten suchen. Das galt natürlich in ersterLinie von den unteren Schichten der ländlichen Bevölkerung: denKleinlandwirten oder gänzlich Besitzlosen. Mochte es der Grundherrsein, der seine Hintersassen gewerblich tätig sein hieß, um ihre Produkte,das Garn oder dergleichen zu verkaufen; mochte der Gedanke der Er-zeugung gewerblicher Gegenstände aus der eigenen Initiative der bäuer-lichen Bevölkerung entsprungen sein und der Vertrieb auf eigene Fausterfolgen, wie bei den zahlreichen Hausierhandwerkern, den Uhr-machern, den Schuhmachern, den Pantoffelmachern, Schnitzern,Strohflechtern und dergleichen, aber auch bei den landwirtschaft-lichen Nebengewerben: Brennerei, Brauerei usw.; mochte es endlichdas Kapital in Gestalt eines Verlegers gewesen sein, das aufder Suche nach passender Verwendung, wie wir wissen, in den ver-gangenen Jahrhunderten mit Vorliebe auf die Dörfer ging, umhier entweder in Anknüpfung an vorhandenes bäuerliches Eigen-gewerbe oder durch Neueinbürgerung eines Produktionszweiges eineder zahlreichen ländlichen Hausindustrien ins Leben zu rufen: so ver-schieden die Organisationsform in den verschiedenen Fällen war, dersachliche Erfolg, auf den es uns hier allein ankommt, war überall der-selbe: Schaffung einer Einnahmequelle aus gewerblicher Arbeit, alsZuschuß zu dem übrigen Erwerb der schwächeren Existenzen aufdem Lande.
Aber wir würden irren, wollten wir annehmen, daß mit den an-geführten ländlichen Industrien der Kreis von Nebenerwerbs-möglichkeiten für die ländliche Bevölkerung in frühkapitalistischer Zeitschon geschlossen gewesen wäre. Es ist vielmehr ausdrücklich fest-zustellen, daß ein großer Teil auch der übrigen Industrien derLandbevölkerung dadurch eine Lebensquelle gewährte, daß sie überdas Land hin zerstreut waren und damit in weitem Umfange ihrenArbeitern Gelegenheit boten, nicht nur auf dem Lande wohnen zubleiben, sondern sogar landwirtschaftliche Tagelöhnerei nebenbei zutreiben oder in ihrer bäuerlichen Wirtschaft tätig zu sein. Diese starkdezentralistische Tendenz der frühkapitalistischen Industrien, auch
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