Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 347
„Die intensiv betriebene Landwirtschaft hatte für den kleinenLehenmann oder ,Tauner* keinen Kartoffelacker mehr und auch keineZeit mehr übrig, denselben gar noch zu pflügen, ebenfalls keinen Platzin Scheune und Stall. Es gab kein ,Urland‘ mehr, wo er für seine Kuhoder Ziege Futter gewinnen konnte, auch andere Naturalnutzungenhaben aufgehört, alles hat Geldwert erhalten und wird von den Bauernselbst verwertet. Also zog der Lehenmann als gewöhnlicher Mieterins Dorf“ usw. Was hier von Hans Schmid für die bäuerlicheSchweiz berichtet wird, vernehmen wir mit denselben Worten ausallen übrigen Ländern.
Was der landwirtschaftliche Unternehmer aus wohlverstandenemInteresse anstrebt, das wollte aber auch der Arbeiter selbst: „Be-freiung“ aus den Fesseln eines patriarchalischen Arbeitsverhältnisses.Und wenn wir die Auflösung der alten Agrarverfassung in ihrer vollenTragweite verstehen wollen, müssen wir sie einordnen in den großenZusammenhang der allgemeinen Entwicklungsbestrebungen, die das19. Jahrhundert kennzeichnen. Der „neue Geist“, der „individualistischeGeist“, der sich immer mehr ausbreitete, zerbrach auch die ländlicheArbeitsgemeinschaft. Und die moderne Landwirtschaft selbst trug dazubei, diesen Geist zu pflegen.
Die Landwirtschaft selber war es, die nach neuen Menschen, nachintelligenteren, selbständigeren Arbeitern verlangte, um den Übergangzur rationellen und intensiven Kultur vollziehen zu können. Hatteman nicht, diesem Bedürfnis entsprechend, den Bauern, den Guts-arbeiter „befreit“ aus den alten Abhängigkeitsverhältnissen? Hatteman von ihnen nicht Selbstbestimmung verlangt und erwartet? Undheischt fortschreitende Verbesserung der landwirtschaftlichen Pro-duktionsweise, wie sie in der zunehmenden Intensivisierung zum Aus-druck kommt, nicht immer intelligentere, selbständigere Arbeiter?War es nicht ein Bestreben der Arbeitgeber, die Leistungsfähigkeitihrer Arbeiter durch Einführung des Akkordlohns und andere Reiz*mittel zu steigern? So schuf sich die moderne Landwirtschaft selbsteinen höheren Typ von Arbeitern, der nun aber imgeeignet wurde,ein dauerndes Glied in den überkommenen, patriarchalischen Gemein-schaften zu sein. Das gilt für die Gutswirtschaften und auch für dieBauernwirtschaften; denn es ist unvermeidlich, daß ein gewisser Aus-tausch der Menschen und ihrer Anschauungen innerhalb einer und der-selben Bevölkerung stattfindet. Dieser Austausch ist es aber, der innoch viel umfassenderer Weise als der angedeuteten auf die Revolutionie-