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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
rung der ländlichen Bevölkerung Einfluß gewonnen hat. Ich meineden Austausch zwischen Stadt und Land, die Rückwirkung der städtisch-industriellen Entwicklung auf die Lebensauffassung der Gesamt-bevölkerung. In dem Maße, wie sich dank dem Vorschreiten des Ka-pitalismus der Schwerpunkt der Kultur in die modernen Städte verlegt,wird ein neues Persönlichkeitsideal, wird ein neuer Maßstab für Wohl-behagen und Lebensfreude geschaffen, der nun unwiderstehlich auchin die fernsten Alpentäler seinen Einzug hält und in dem Maße anGeltung zunimmt, wie die Entwicklung der Verkehrsmittel die Be-rührung zwischen den Städtern und Ländlern häufiger macht.
Ergebnis des Umgestaltungsprozesses war jedenfalls überall, daßdie Wirtschaft des ländlichen Arbeiters verselbständigt, aus dem Or-ganismus der Gutswirtschaft ausgeschieden wurde. Es entstand dervöllig „freie“ ländliche Tagelöhnerstand mit oder ohne einigen Grund-besitz, eine Arbeiterbevölkerung, deren Existenz, wo sie gänzlich be-sitzlos ist, von der Verwertungsmöglichkeit ihrer Arbeitskraft, wo siemit kleinen Stellen behaftet ist, von jener und den Erträgnissen dieserbedingt wird.
Es ist nun eine verhängnisvolle, weitere Folge des Überganges zurmodernen Landwirtschaft, daß die Verwertungsmöglichkeit der Arbeits-kraft des ländlichen Arbeiters sich verschlechterte dadurch, daß eineVerringerung der Arbeitsgelegenheiten eintrat. Diese Be-hauptung erscheint zunächst unglaubhaft angesichts der Tatsache, daßja die Intensivisierung des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifelauch eine Steigerung des Arbeitsaufwandes auf gegebener Fläche er-heischte. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir in Betrachtziehen, daß in dem Maße, wie die Landwirtschaft intensiver wird, siesich mehr und mehr zu einem reinen Saisongewerbe entwickelt, wo-durch dann zu bestimmten Zeiten — im Winter — trotz absolut ge-steigerten Arbeitsbedarfs sich Arbeitslosigkeit einstellt. Bis zu einemgewissen Grade war die Landwirtschaft stets ein Saisongewerbe ge-wesen, das heißt hatte im Sommer mehr Arbeit als im Winter verlangt.Das Verhältnis der Winter- zur Sommerarbeitsmenge war bei einerKörnerwirtschaft alten Stils wie 1,0 zu 1,4 gewesen. Aber erst die mo-derne Entwicklung bringt dieses Mißverhältnis zur Entfaltung, sofernsie auf der einen Seite die Winterarbeit zu verringern, auf der andernSeite die Sommerarbeit zu vermehren die Tendenz erzeugt. Jene Ver-ringerung tritt ein:
1. durch den Übergang vom Hand- zum Maschinendrusch;