Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung
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Luxusindustrien, namentlich aber die Kunstgewerbe: Kunsttischlerei,Kunstschlosserei, Klavierbau usw.), sei es, daß sie imstande sind, dieLasten der Grundrente auf andere (Arbeiter!) abzuwälzen: das ist derFall bei allen Hausindustrien, die deshalb, begünstigt durch das Vor-handensein eines besonders billigen Menschenmaterials — Weiber! tief-erstehende Kassen! — heute zu den Hauptvertretern der großstädtischenIndustrien gehören;
(3) solche, die ihrer Natur nach die Großstadt nicht entbehrenkönnen, vielleicht wegen des hier allein vorhandenen hochentwickeltenGeschmacksgefühls, wegen der Vorteile, die ich Fühlungsvorteile nenne(Maßschneiderei, Zeitungsdruckerei) oder dergleichen.
Der Industrien, die dieser Gruppe angehören, gibt es aber sicherheute nur noch wenige und ihre Zahl wird wiederum in dem Maße ge-ringer, als die Kultur sich auch außerhalb der großen Städte verbreitet.
Die Großstadt ist also in immer geringerem Maße „Industriestadt“,das heißt: lebt in immer geringerem Umfange von ihrer gewerblichenTätigkeit. Ich versuche das an dem Beispiele Berlin ziffermäßig nach-zuweisen.
Wenn E. Engel das Ergebnis seiner sehr zu Unrecht vielgerühmtenStudie über die Industrie der großen Städte in die Worte zusammenfaßt:,,An der Stadt Berlin bewahrheitet sich sonach, was jetzt wohl von jedergroßen Stadt zu behaupten steht, daß sie im wesentlichen eine Industriestadtund ihr rapides Wachstum eine Folge dieser Eigenschaft ist, wie auch dasstaunenswerte Wachstum aller übrigen Großstädte sich ganz entschiedenauf diese Ursache zurückführen läßt“ (Berlin und seine Entwicklung. Ge-meindekalender und städt. Jahrbuch für 1868. S. 143), so war das schonfür die damalige Zeit entschieden falsch. Heute ist eher das Gegenteilrichtig.
Gleichwohl schleppt sich diese Ansicht wie eine ewige Krankheit durchunsere Literatur fort. Und Männer vom Range Karl Büchers machensie sich unbesehen zu eigen. Siehe seinen Vortrag in dem Sammelwerke:„Die Großstadt“. 1903.
Keiner aber nimmt sich die Mühe, einmal mit dem Rechenstift in derHand sich an die Zahlen der Berufsstatistik heranzusetzen und nachzu-rechnen, was denn in einer Stadt wie Berlin an städtebildenden Industrienetwa vorhanden ist.
Die Gesamtzahl der Berufsstatistik, die uns die in der gewerblichenProduktion Erwerbstätigen angibt, besagt natürlich gar nichts, da sie jasämtliche Lokalgewerbe, die für die Städtebildung nicht in Betrachtkommen, mit umfaßt. Es handelt sich darum, in jedem einzelnen Gewerbe-falle festzustellen, wieviel davon für den Ortsverbrauch, wieviel für die