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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung

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wie intensiv dasjenige Maß von Arbeit zu leisten, das ein kapitalistischerUnternehmer als selbstverständlich voraussetzen muß.

Wie waren nun diese widerhaarigen Menschen inuseful factoryhands zu verwandeln? Auf welche Weise konnte dasirrationaleWesen des natürlichen Menschenrationalisiert werden?

3. Zunächst haben die Unternehmer selbst sich weidlich ge-quält, diese ungefüge Masse ihren Zwecken anzupassen, indem sie siemit kapitalistischem Geist erfüllten. Sie haben versucht, ihren Arbeits-willen zu wecken durch allerhand lohnpolitische Maßnahmen. Im Zeit-alter des Frühkapitalismus, sahen wir, hielt man es für zweckmäßig,möglichst niedrige Arbeitslöhne zu zahlen, weil man sich sagte, ein-gedenk des richtig erkannten Wesens jener Arbeitergeneration, daßder Arbeiter nur bei niedrigem Verdienst überhaupt dazu zu bekommenwar, ununterbrochen zu arbeiten. Aber wenn man vielleicht auch aufdiesem Wege dazu kam, einen regelmäßigen Betrieb ins Leben zu rufen,also den Arbeiter zu einer gewissen Extensität der Arbeit zu bewegen:die Intensität dieser Arbeit zu steigern, war das Mittel der niedrigenLöhne außerstande. Und hochwertige Arbeit konnte man auf dieseWeise erst gar nicht erzwingen. So verfiel man auf das Mittel, den Lohnso zu bemessen, daß der Arbeiter bei intensiver Arbeit mehr verdiente:man führte den Akkordlohn und allerhand Prämienlöhne ein, vondenen man sich eine durchschlagende Wirkung versprach. Es wirdeineeigentliche Telegraphenfabrik eingerichtet, schreibt Werner Siemens an seinen Bruder Karl am 27. März 1858,wo Akkordarbeit allgemeineingeführt wird. Ich freue mich sehr auf die Durchführung, durchdie ein ganz anderes Leben eintreten wird. Haben die Er-fahrungen, die Siemens mit der Einführung des Akkordsystems ge-macht hat, seine Hoffnungen enttäuscht? Wir hören, daß am Endeder 1860 er Jahre in seinen Werken der Akkordlohn immer noch nichtallgemein eingeführt war. (Siehe R. Ehrenberg , Die Unternehmungender Brüder Siemens 1 [1906], 469 S.) Verständlich wäre es, wenn wiran die schlimmen Erfahrungen denken, die anderwärts mit der An-nahme des Akkordsystems gemacht wurden, und etwa uns jener Schnittererinnern, von denen Max Weber berichtet, und deren Arbeitsleistungnach der Einführung des Akkordlohns znrückging: sie hatten 1 Mk.für den Morgen zu mähen bekommen und hatten 2% Morgen gemähtund erhielten nun 1,25 Mk. Aber sie mähten am Tage nicht, wie manerwartet hatte, mm 3, sondern nur noch 2 Morgen. Damit hatten siedenselben Verdienst erreicht wie früher bei dem niedrigeren Akkord-