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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
Das Interesse des Unternehmers besteht offensichtlich darin, dieHöhenlagederArbeitnachMöglichkeitzusenken, da dadurch das Arbeiter-material, das ihm zur Verfügung steht, ausgeweitet wird. Und mankann sagen, daß im großen ganzen die Entwicklung in der Richtungdieser Interessen verlaufen ist. Die Anforderungen der modernenTechnik, insonderheit die Anwendung von Maschinen, bringen es mitsich, daß immer mehr gelernte Arbeit in angelernte oder gar ungelernteverwandelt wird, die angelernte Arbeit aber fortschreitend vereinfachtwird, so daß die Anlernling in immer kürzerer Zeit erfolgen kann.
Diese Tendenz ziffernmäßig nachzuweisen, werden wir uns versagenmüssen angesichts der verschwimmenden Übergänge zwischen gelernter,angelernter und ungelernter Arbeit. Was beispielsmäßig die deutsche Be-rufszählung von 1907 (die immer noch die beste ist) an Zahlenstoff bei-bringt, ist nicht zu verwerten. Auch wenn man den von ihr als „gelernt“bezeichneten Arbeitergruppen alle „angelernten“ zuzählen wollte, würdeihre Unterscheidung in gelernte und ungelernte Arbeit wenig besagen, daihre Merkmale, mittels deren sie diese Unterscheidung trifft, nicht sehr glück-lich gewählt sind. Sie rechnet z. B. die Ladenmädchen in einem Waren-hause zu den gelernten, die Packer, Fuhrleute usw. daselbst zu den un-gelernten, weil jene „die dem Beruf eigentümlichen Leistungen verrichten“,diese nur Hilfstätigkeiten in dem Beruf erfüllen, die auch in andern Be-rufen Vorkommen können, während es sich in Wirklichkeit mit dem Ge-lernt- und Ungelerntsein umgekehrt verhalten dürfte. Imgleichen sind— um noch ein Beispiel anzuführen — im Gastgewerbe die Köche imSinne der Statistik ungelernte Arbeiter, die Kellner hingegen gelernte.Man wird natürlich eher geneigt sein, einen Koch bei Hiller für einen„gelernteren“ Arbeiter anzusehen als einen Sonntag-Aushilfskellner in einemV orort- Garten,,lokal“.
Ich verzichte deshalb auf die Mitteilung allgemeiner Ziffern.
Aber auch wo gelernte und angelernte Arbeit weiter unentbehrlichist — und das wird natürlich immer ein breites Feld der gesamtenTätigkeit bleiben, — hat die Entwicklung namentlich der Maschinen-technik bewirkt, daß das Arbeitermaterial besser an die Bedürfnissedes Kapitalismus angepaßt ist, als es früher der Fall war, weil nämlichdie Übergänge aus einem „Beruf“, besser Erwerbszweig, in einenandern leichter sich vollziehen, als es bei der handwerksmäßigenGliederung der Arbeiter der Fall war.
Von den angelernten Arbeitern hat man zwar behauptet, daß sieein trauriges Spezialistentum darstellen, das nur für bestimmte Arbeitenausgebildet und deshalb unfähig zum Beschäftigungswechsel sei. Dasmag in manchen Fällen zutreffen. Im allgemeinen aber wirkt dieser