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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte

die Richtigkeit des Urteils immer im umgekehrten Verhältnis zu der An-wendung experimenteller, das heißt im heutigen Sinne,wissenschaft-licher Methoden stehen. Im übrigen geht uns das Problem hier nichtnäher an: der Hochkapitalismus ist im wesentlichen auch ohne Berufs-beratung zur Entfaltung gelangt.

2. Ist nun der Arbeiter so oder so an seinen Platz gelangt,so gilt es nunmehr, wenn es sich umgelernte (ein greuliches Wort,das man durch ein anderes Wort, etwa geschult, ersetzen sollte) undangelernte Arbeitskräfte handelt, ihn zu seiner Arbeit geeignet zumachen: es beginnt die Aufgabe der Ausbildung.

Auch um dieses Problem hat sich der kapitalistische Unternehmerauffallend lange Zeit gar nicht oder wenig gekümmert. Insbesonderehat er sich um den Nachwuchs der Facharbeiter wenig gesorgt. Erhat nur immer geklagt, daß es keinen vollwertigen und ausreichendenNachwuchs gebe; aber ihn selbst heranzuziehen, daran hat er nichtgedacht. Man fand diese Vernachlässigung der eigentlichen Lehrtätigkeitselbstverständlich. Noch in den 1890er Jahren konnten die Webbsvon England schreiben:Was auch die schließliche Wirkung der er-zieherischen Lehrzeit auf die Wohlfahrt des Gewerbes oder die Zukunftder Jungen sein möge, direkt macht. . . (sie sich für) die beteiligtenParteien in keiner Weise bezahlt. Der Besitzer eines großen Betriebeshat keine Lust, sich mit Jungen abzugeben, wenn er sie das ganzeGewerbe lehren soll. Selbst ein Lehrgeld von 20 bis 30 £, das ihm dersparsame Vater bietet, ist keine Versuchung für die Kapitalisten vonheute, der wöchentlich Hunderte von Pfund an Löhnen zahlt. Er ziehtes vor, seinen Arbeitsprozeß in Männerarbeit und jugendliche Arbeiteinzuteilen und jeden Grad dauernd mit der ihm zugewiesenen Routine-arbeit zu beschäftigen. (Sidney and Beatrice Webb , IndustrialDemocracy. Deutsche Ausgabe 2 [1898], 24.)

Wenn trotzdem die Großindustrie immer doch noch über eine großeMenge geschulter Arbeitskräfte verfügen konnte und der Bedarfmancher Industrie ist bis heute groß daran: noch im Jahre 1920 be-rechnete ein Fachmann (Rech) den Anteil der Facharbeiter an der ge-samten Arbeiterschaft im Maschinenbau für normale Zeiten auf 51 %,so ist das nur so zu erklären, daß dem Kapitalismus diese Arbeitervon anderswoher geliefert wurden.

Da waren zunächst die Fachschulen, die sich mit der Ausbildungjugendlicher Arbeiter befaßten. Sie sind freilich auch erst in denletzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zur Blüte gelangt (1910