Druckschrift 
3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
Seite
458
Einzelbild herunterladen
 

458

Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte

1914 nach dem Stande vom 1. Januar 1914. Für die Arbeiter in den Ge-meinden über lOOOO Einwohner findet sich die Übersicht im Stat. Jahr-buch. Als Ortslohn gilt der ortsübliche Tagesentgelt gewöhnlicher Tag-arbeiter. Die Löhne schwanken zwischen 1.60 Mk. und 4.20 Mk. bei Männernund 0.96 Mk. und 3 Mk. bei Frauen.

Diese Ziffern stimmen ungefähr überein mit den in andern Ländern:Frankreich, Belgien, Großbritannien, Vereinigte Staaten gemachten Fest-stellungen. Siehe die Ergebnisse der verschiedenen Erhebungen bei Ch.Cornelissen, 1. c. Ch. XIII.

Die Gründe, weshalb die Frauenlöhne niedriger sind als die Männer-löhne, liegen zutage, nämlich in folgendem:

1. der größeren Bedürfnislosigkeit der Frau;

2. der geringeren Machtstellung der Frau;

3. dem Umstande, daß Frauenarbeit in zahlreichen Fällen nur Zu-schußarbeit, der Arbeitslohn also nur Zuschußverdienst ist, sei es zudem Arbeitsverdienst des Mannes, sei es zu dem Einkommen der Eltern,wenn die Haustochter gewerblich tätig ist.

y. Die Landlinge

Landling nenne ich den vom Lande, richtiger aus der Landwirt-schaft, noch genauer aus der Gutswirtschaft herstammenden Arbeiterin den europäischen Ländern. Er bildet die einzige Arbeitskraft in derkapitalistischen Landwirtschaft, solange er nicht landflüchtig gewordenist und bildet nachher den Stamm der ungelernten, aber auch zum Teilder angelernten Arbeiter in Industrie, Handel und Verkehr. Seine An-sprüche üben deshalb einen entscheidenden Einfluß auf den Standdes Gesamtarbeitslohns aus. Sie sind aber erheblich niedriger als die-jenigen des städtischen Arbeiters. Wenn wir die deutschen Verhältnissezugrunde legen, so ergibt sich nach der vorhin genannten Aufstellungder ortsüblichen Tagelöhne selbst innerhalb Deutschlands eine Spannungzwischen (östlichem) Landlohn und (westlichem) Stadtlchn für dieselbeArt von Arbeit von mehr als 1 zu 2, nämlich wie 2 zu 5. So betrugenbeispielsweise die Ortslöhne für erwachsene männliche Arbeiter 4 Markin Berlin, Harburg, Geestemünde (Höchstsatz 4.20 Mark), Emden ,Lüdenscheidt, Duisburg, Oberhausen, Solingen usw., dagegen (selbstin den Städten) in Memel 2.75, Hastenburg 2.30, Gumbinnen 2.40,Marienwerder 2.30, Culm 1.90, Kreuzburg 1.60, Leobschütz 1.85,Neisse 1.85 Mark usw. In den Landkreisen kehren die Lohnsätzezwischen 1.60 und 1.80 noch häufiger wieder. Ein Tagelohn von we-niger als 2 M. für Männer wurde in 14 Kreisen Ost- und Westpreußensund 42 Kreisen Schlesiens bezahlt.