606 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtBchaftl. Prozesses i. d. Geschichte
dehnt sich die Herrschaft der Mode auf immer weitere Bereiche aus;erst im letzten Menschenalter sind die Möbel und was sonst zur Haus-einrichtung gehört, einbezogen usw.
In räumlicher Hinsicht: während in der Renaissancezeit, trotz desbeginnenden Einflusses Frankreichs , die Verschiedenheit der Modeselbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerte, wie unsJakob Burckhardt berichtet, und sich doch bis tief ins 19. Jahr-hundert hinein immerhin eine gewisse lokale oder wenigstens nationaleEigenart der Mode wahrnehmen läßt, ist es ein Kennzeichen derneuen Zeit, daß mit der Ausdehnungskraft gasförmiger Körper sichjede Mode binnen kurzem über den Bereich der gesamten zivili-sierten Welt verbreitet. Von der Kleidung, namentlich der Damen-kleidung (als es noch eine Dame gab) gilt das wortwörtlich: keine Schleife,kein Knopf, kein Besatz ist an dem Kleide einer Amerikanerin oderFranzösin oder Russin verschieden. Die Frauenkleidung und größten-teils auch die Herrenkleidung ist „Uniform“ der „zivilisierten“ Mensch-heit geworden.
Eine andere Eigenart der neueren Mode ist
(b) die Beschleunigung des Schrittmaßes im Modewechsel.
Wir vernehmen zwar von einem häufigen Modewechsel, selbsteinem mehrfachen in einem Jahre, schon in früher Zeit (Belege sieheBand I Seite 745 f.). Aber wir dürfen annehmen, daß das Ausnahmenwaren oder sagen wir lieber Übertreibungen, die sich die Sittenpredigerihrer Zeit zuschulden kommen ließen, denn sie sind die Quelle, ausdenen wir diese Erkenntnis schöpfen. Wenn wir dagegen objektiveZeugnisse sprechen lassen, so bekommen wir doch den Eindruck, daßselbst die Frauenkleidermode, die ja der empfindlichste Punkt im Reichder Mode ist, sich während einer längeren Zeit, vielleicht währendeiniger Jahre annähernd gleich blieb. Solche unparteiischen Zeugensind z. B. die Bildnisse oder Genrebilder einer Zeit. Es gibt doch immer-hin ein Zeitalter oder eine Zeit des Velasquez oder Watteaus oderGainsboroughs, während welcher die dargestellten Personen sich soziemlich gleich gekleidet haben, während innerhalb des Lebenswerkeseines modernen Künstlers die allerverschiedenartigsten Kleidermodensich drängen. Es ist heute kein seltener Fall mehr, daß die Kleidermodein einer und derselben Saison vier bis fünfmal wechselt. Und häufigso wechselt, daß sie von einem Extrem ins andere fällt: kurz—lang,weit—eng, schlicht—überladen, oben nackt—unten nackt, angeklebt—ausgebauscht usf. Und was das Seltsame des Schauspiels steigert: