Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 607
so lange eine Mode dauert, herrscht sie unumschränkt, gibt es nichtdie geringste Abweichung, ist sie pedantisch streng. Es ist also nichtetwa ein ewiger Fluß, den die Modeentwicklung darstellt, sondern —bildmäßig — eine Treppe mit immer niedrigeren Stufen, auf der abervon Absatz zu Absatz völlige Gradheit, Gleichförmigkeit herrscht.Auf diese moderne Mode paßt das lustige Wort Vischers, das ich hiernoch mitteilen will:
„Wie ein unartiges Kind, das keine Ruhe gibt, so treibt es die Mode,sie tut’s nicht anders, sie muß zupfen, rücken, umschieben, strecken,kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen, quirlen,schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganz des Teufels,jeder Zoll ein Affe, aber just auch darin wieder steif und tyrannischphantasielos gleichmacherisch, wie nur irgendeine gefrorene Oberhof-meisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe die ab-solute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, aus-gelassener Backfischrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arle-kina in einem Atem.“ (Fr. Th. Yischer, Mode und Zynismus 3. Aufl.1888. Seite 52.)
Aber während die beiden bisher angeführten Merkmale der modernenMode doch im Grunde nur Gradunterschiede gegen früher darstellen,ist nun das letzte Merkmal ein solches, das die Mode im Zeitalter desHochkapitalismus scharf und grundsätzlich von allen früheren Modenunterscheidet; das ist
(c) ihre Unterwerfung unter die Botmäßigkeit des kapi-talistischen Unternehmers.
Hier also ist der erste Fall, in dem sich der Einfluß des Geschäfts-mannes auf unsere Bedarfsgestaltung und zwar in sehr entschiedenerWeise äußert. Aus dieser Abhängigkeit des „Kunden“ vom Produ-zenten oder Händler erklären sich auch alle Eigenarten, die sonst dieheutige Mode auf weist, und von denen ich im Vorstehenden zwei auf-gezählt habe.
Noch am Ende des frühkapitalistischen Zeitalters sahen wir denKonsumenten durchaus als den Bildner wie aller Bedarfsgestaltungso auch der Mode. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verliert erdie Herrschaft und der Produzent oder der Händler tritt an seineStelle.
Ich habe in der ersten Auflage (im 17. Kapitel des II. Bandes) andem Beispiele der Damen- und Herrenkleidermode gezeigt, auf welcheWeise sie heutzutage „kreiert“ wird. Es ist das „Genie“ des großen