Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 609
passive Resistenz. Lehnt die Weiblichkeit zuweilen eine ihr oktroyierteMode ab? Ich wüßte nur einen Fall zu nennen, und der ist auch nochnicht endgültig entschieden: das ist der Hosenrock. Im übrigen aber beugtsich Männlein und Weiblein, soweit sie der Modeherrschaft unterstehen(natürlich sind ein alter Professor und eine Institutsvorsteherin „selbst-herrlich“ in der Gestaltung ihrer Kleidung), wenn auch mit knirschendenZähnen, unter das oft genug drückende Modejoch. Ich empfehle HerrnKollegen Steinmetz dringend, gelegentlich eine junge, elegante Frau aufihren Einkäufen in einem Modeatelier zu begleiten, um zu verstehen,wer heute die Mode macht.
Die Dame tritt — beispielshalber — mit einem Hut ein, den sie vorvier Wochen an derselben Stelle gekauft hat. Sage: niedrige Tockenform,ihrem Gesicht sehr gemäß. Der Verkäufer mit einem halb vorwurfsvollen,halb spöttischen Blick, während sie ihr Kleid anprobiert: „Gnädige Frauwerden sich auch einen neuen Hut aussuchen müssen: wir haben wunder-volle Modelle soeben hereinbekommen.“ Die Kundin: „Ja, aber mein Hutist ja ganz neu und steht mir so gut.“ Der Verkäufer: „Aber gnädigeFrau werden nicht auffallen wollen. Die niedrige Form trägt heute nie-mand 1 mehr.“ Ihr ein neues Modell reichend, eine riesige Tiara mit Esels-ohren: „Wenn gnädige Frau einmal probieren möchten.“ Die Kundin: „DiesScheusal, wo mein Hüterl mich so gut kleidet, nie!“ Setzt das Modellauf und beschaut sich im Spiegel: „Gräulich, wie eine Vogelscheucheseh ich aus.“ Der Verkäufer: „Der Hut kleidet gnädige Frau ganz vor-züglich,“ und seine letzte Karte ausspielend: „gnädige Frau sehen vieljünger darin aus.“ Die Kundin bleibt zwar dabei: „Der Hut sei scheuß-lich, stünde ihr gar nicht und koste sündhaft viel Geld.“ Innerlich ist siebereits umgestimmt: 1. weil es mal wieder was Neues ist, das eben ausParis angekommen war; 2. weil sie doch gern ein paar Jahre jünger aus-sehen und 3. weil sie um keinen Preis der Welt unter ihren Freundinnen„auffallen“ möchte als eine, die eine Mode von gestern zu tragen sicheinfallen lassen könnte. Sie verläßt den Laden mit dem Neubau, den ihrdurch das Zwischenglied eines Berliner Verkäufers eine Pariser Modistinvöllig gegen ihren Willen (und noch viel mehr gegen den Willen ihres Be-gleiters) auf den Kopf gestülpt hat. Und so geht es mit allen Dingen,Kollege Steinmetz, glauben Sie mir.
Daß auch der Modeschöpfer an gewisse „Gesetze“ gebunden ist, diein dem Wesen der Mode mitgegeben sind, versteht sich von selbst. Ichwüßte allerdings nur ein Gesetz anzugeben, das bisher streng innegehaltenwurde: die Frauenmode muß sexuell aufreizend sein. Das sucht sie zu sein,indem sie irgendeinen Körperteil der Frau entweder entblößt oder „heraus-treibt“. Geschichte der Mode heißt im wesentlichen: Wechsel des zurSchau gestellten Körperteils der Frau. Jetzt sind’s die Unterschenkelund der Rücken, früher waren’s einmal die Oberschenkel oder die Brüsteoder der Hals oder der Leib oder die Hüften (Krinoline!) oder das Hinter-teil (Cul de Paris) usw. Es könnte sein, daß der Tapissier de femme andieses Gesetz gebunden ist, und daß eine Nonnentracht ebenso „abgelehnt“würde wie der Hosenrock. Es käme auf den Versuch an. Bisher haben die