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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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610 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte

Modeschöpfer stillschweigend, wie auf Grund gemeinsamer Verständigung,einen bestimmten Geist als den herrschenden anerkannt und in ihm ihreWerke geschaffen: den Geist der Weltlichkeit und Frivolität. Sittlichkeits-apostel oder Schönheitsfanatiker sind unter ihnen bisher nicht aufgetreten.Ich halte es aber bei der Veranlagung unserer Frauen nicht für aus-geschlossen, daß sie sich gelegentlich auch einmalanständig oderschönanziehen würden, wenn es die Pariser Diktatoren so wollten. Schon weiles mal etwas anderes wäre. Wirklich: ich sehe nicht, wo etwas wieEigen-willigkeit des Verzehrers bei der Schaffung der Mode heute zutage träte.

Um dieses Bestreben des Unternehmers, sich die Mode untertanzu machen, zu verstehen, brauchen wir uns nur der Bedingungen zuerinnern, unter denen die kapitalistische Welt steht.

Der Unternehmer, mag er Produzent, mag er Händler sein, ist durchdie Konkurrenz gezwungen, seiner Kundschaft stets das neueste vor-zulegen, bei Gefahr ihres Verlustes. Wenn ein halb Dutzend Groß-konfektionäre um den Absatz bei einem kleinstädtischen Kleider-händler sich bemühen, so ist es ganz ausgeschlossen, daß sie sämtlichnicht mindestens auf der Höhe der neuesten Mode sind; die Tuchfabrik,die einem großstädtischen Schneider auch nur ein um wenige Monateälteres Dessin schicken, die Baumwollenfabrik, die dem Modewaren-bazar nicht die letzte Neuheit anbieten würde, schiede von vornhereinaus dem Wettbewerbe aus. Daher das weitverbreitete Streben desUnternehmers, mindestens auf dem Laufenden zu bleiben, sich stetsin den Besitz der neuesten Musterkollektionen, der neuesten Vorlage-blätter zu setzen. Hier liegt die Erklärung vor allem auch für die Ver-allgemeinerung der Mode. Und sofern es einer ganzen Kategorievon Geschäften darauf ankommen muß, das obigeMindestens zuüberbieten, durch reizvolle Neuheiten den Kunden überhaupt zumKauf und zwar zum Kauf bei ihnen zu veranlassen, erzeugt die kapi-talistische Konkurrenz die zweite Tendenz der modernen Mode: dieTendenz zum raschen Wechsel.

Überall aber, wo wir den Produzenten selbst am Werke sehen, umdurch eigeneWeiterbildung Neues zu schaffen, wo der Konfektionäroder Textilwarenfabrikant eigene Dessinateure unterhält, gar abererst bei den Geschäften, die nur dadurch bestehen, daß sie andern Neu-heiten liefern: überall dort wird ein Herd für ein wahres Neuerung-

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fieber geschaffen. Man saugt sich das Blut aus den Nägeln, martertdas Hirn, wie es denn möglich zu machen sei, immer wieder und wiederetwasNeues und darauf kommt es im wesentlichen an auf denMarkt zu werfen.