Achtundrlreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 611
Damit nun aber dieses immer heftigere Konkurrenzbestreben derUnternehmer untereinander auch wirklich immer die Wirkung desModewechsels habe, müssen noch einige andere Bedingungen in dersozialen Umwelt erfüllt sein, so wie es heute der Fall ist. An sich wärees ja möglich, daß ein Konkurrent dem andern durch größere Güteoder Billigkeit einer nach Form und Stoff unveränderten Ware zuvor-zukommen suchte. Warum durch den Wechsel der Mode? Zunächstwohl deshalb, weil hierdurch noch am ehesten ein fiktiver Vorsprungerzeugt wird, wo ein wirklicher nicht möglich ist. Es ist immerhin nochleichter, eine Sache anders, als sie besser oder billiger herzustellen.Dann kommt die Erwägung hinzu, daß die Kaufneigung vergrößertwird, wenn das neue Angebot Meine Abweichungen gegenüber demfrüheren enthält; ein Gegenstand wird erneuert, weil er nicht mehr„modern“ ist, trotzdem er noch längst nicht abgenutzt ist: (die „Mei-nungskonsumtion“ Storchs). Endlich wird damit der bereits gekenn-zeichneten Stimmung der Menschen unserer Zeit Rechnung getragen,die dank ihrer inneren Unrast auch eine gesteigerte Freude amWechsel haben.
Wir werden in einem andern Zusammenhänge noch feststellenkönnen, daß die Mode in dem Organismus der kapitalistischen Wirt-schaft noch eine zweite Funktion hat: die der Vereinheitlichung desBedarfs. Hier war zunächst einmal ihre Bedeutung als treibende Kraftfür den häufigen Wechsel der Bedarfsgegenstände aufzuweisen. Schonhier wird ersichtlich, daß die Mode ein unentbehrliches Glied geradeauch in der hochkapitalistischen Wirtschaft spielt. Und es war gewißein Fehlurteil, das Marx fällte, als er — unter Berufung auf eine SchriftJohn Bellers aus dem Jahre 1699! — schrieb, daß „die Flatterlaunender Mode“ dem System der großen Industrie nicht angemessen seien.Wir dürfen eben nicht vergessen, daß zu allen Zeiten, auch unter derHerrschaft des Systems der großen Industrie, die Erzeugung der letztenGebrauchsgüter doch den größten Teil der gesellschaftlichen Pro-duktionskraft in Anspruch nimmt, und daß die Bedarfsgestaltung,soweit diese letzten Gebrauchsgüter in Frage kommen, den Ent-schließungen der schwachsinnigen Masse und zumeist der schwach-sinnigen Frauenwelt überlassen bleibt. Da nun in der kapitalistischen Wirtschaft die einzig Verständigen, will sagen die einzig rationalistischihr Handeln Begründenden inmitten einer völlig kopflosen und willen-losen Menge die Unternehmer sind, und da ihnen das Mittel derModesuggestion außerordentlich nützliche Dienste leistet bei Verfolgung