Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschafienlieit der Güter 625
Wiederum wird mau hier den Einfluß der Frau spüren; ihr Sinn fürdas Unechte hat zweifellos der Entartung des Geschmacks, namentlichin der Zimmerausstattung, Vorschub geleistet. „Ausgebildetes Dekoreteur-talent im Verein mit Unverständnis für Struktur wird den mit diesenDingen Ausgestatteten dazu verleiten, den Effekt dem organisch Ge-wordenen, den Schein dem Inhalt vorzuziehen, sobald etwa eine zeit-weilige wirtschaftliche Ersparnis mit der Wahl des Effektgutes verknüpftist“ (Wirz). „Die Frau sucht fast immer mehr zu scheinen als sie ist, unddeshalb umgibt sie sich auch mit einer Welt von Talmi und Imitation“(Else Warlich). „Ihr geringes Interesse für Struktur und Konstruktionkommt der eigenartigen Qualitätsverschiebung des modernen Produktsin erstaunlicher Weise entgegen“ (Walter Rathenau ).
Zu diesem Wunsche, ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, weilman das Bedürfnis empfindet, tritt in den meisten Fällen der Wunschhinzu, es den Bessergestellten gleich zu tun, auch Wein zu trinken,auch in einer Villa zu wohnen, auch „seidene“ Blusen und Strümpfe,auch „goldene“ Schlipsnadeln oder Ringe, auch Diamanten undPerlen zu tragen.
Unterstützt wird dieses Bestreben der breiten Masse nach Schein-luxus, Scheinkomfort, Scheineleganz durch die listenreiche Technik,die täglich neue Stoffe verwendbar, neue Verfahren zur Herstellungvon Ersatzgütern ausfindig macht.
Im engsten Zusammenhänge stehen dieser Surrogierungsdrang unddiese Surrogierungskunst mit dem raschen Modewechsel, von demoben die Rede war.
Es ist einer der Haupttricks unserer Unternehmer, ihre Ware dadurchabsatzfähiger zu machen, daß sie ihr den Schein größerer Eleganz, daßsie ihr vor allem auch das Aussehen derjenigen Gegenstände geben, diedem Konsum einer sozial höheren Schicht der Gesellschaft dienen. Esist der höchste Stolz des Kommis, dieselben Hemden wie der reiche Lebe-mann zu tragen, des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädigeanzuhaben, der Fleischersmadame, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheim-rats zu besitzen usw. Ein Zug, der so alt wie die soziale Differenzierungzu sein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflich hatbefriedigt werden können wie in unserer Zeit, in der die Technik keineSchranken mehr für die Nachahmung kennt, in der es keinen noch sokostbaren Stoff, keine noch so künstliche Form gibt, als daß sie nichtzum Zehntel des ursprünglichen Preises alsobald in Talmi nachgebildetwerden könnten. Nun ziehe man des weiteren in Betracht das rasendschnelle Tempo, in dem jetzt irgendeine neue Mode zur Kenntnis desHerrn Toutlemonde gelangt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aber auchinfolge des gesteigerten Reiseverkehrs usw. Dadurch wird nun aber einwahres Steeplechase nach neuen Formen und Stoffen erzeugt. Denn da