Druckschrift 
3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
Entstehung
Seite
867
Einzelbild herunterladen
 

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration

867

Endlich sollte man nicht vergessen, daß aus rein betriebsrationalenGründen der Kleinbetrieb im Detailhandel zu allen Zeiten seine aus-gesprochenen Vorzüge besitzt, die selbst durch eine weitgehende Ver-teuerung der Waren nicht aufgehoben werden. Sein Hauptvorzug istdie bessere örtliche Anpassung an die Bedürfnisse der Kundschaft,die nicht einmal ausschließlich wegen der größeren Bequemlichkeitvon vielen Käufern mit einem Preisaufschlag gern vergolten wird:die größere Nähe des Ladens bei dem Wohnsitz des Käufers kanneine Ersparung an Zeitaufwand herbeiführen, die vom privat- wie ge-samtwirtschaftlichen Standpunkt aus die etwaige Verteuerung derWaren aufwiegt.

Neben diesen betriebsrationalen Gründen wirken nun aber geradebeim Detailhandel, auf dessen Organisation einerseits der irrationaleHandwerker, andererseits die irrationale Erau so entscheidenden Ein-fluß ausüben, die mannigfachsten außerwirtschaftlichenKräfte auf eine kleinbetriebliche Gestaltung hin. Ich denke hiervor allem an die Tatsache, daß mit fortschreitender Entwicklung desKapitalismus eine wachsende Zahl von Personen als leidenschaftlicheBewerber um Kleinhandelsstellen aufgetreten ist: Menschen, die oftnichts als den guten Willen und den Wunsch, Händler zu sein, mit-bringen, oft außer diesem zwar eine spezifische Händlerbegabung, aberkeinerlei Sachmittel, um einen Betrieb zu begründen, und die alletrotzdem, dank dem Zusammentreffen einer Anzahl ihr Vorhaben be-günstigender Umstände, in den Besitz eines kleinen Ladens gelangen.Wie diese Schar von Bewerbern um Kleinhandelsstellen heranwächst,und durch welche Mittel es ihnen gelingt, ihr Ziel zu erreichen, könnenwir uns durch folgende Besinnungen klarmachen:

(1) Der Kapitalismus schafft in wachsendem Maße die Gewillt-heit zahlreicher Personenkategorien, dem Handel zu dienen. Zu-nächst und vor allem dadurch, daß er das soziale Werturteil der großenMassen zugunsten der Handelstätigkeit verschieben hilft. Händler seingalt in der Zeit der handwerksmäßigen Produktion und tauschwirt-schaftlichen Absatzorganisation keineswegs als Ziel der Wünsche; dieHandwerkerehre war das naturgemäße Ideal der großen Menge, derRitter und Junker das der Herrschenden. Erst im Laufe der kapita-listischen Entwicklung gewinnt neben der gütererzeugenden und -ver-zehrenden Tätigkeit auch die Handelstätigkeit an Ansehen. Und heutegilt sie, zumal unter den Massen, als höchst erstrebenswertes Ziel:man drängt sich hinter den Ladentisch.

Somhart, Hoehkapitalismus II. 55