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Schluß: Die Gesamtwirtschaft
Anders dagegen steht es mit dem gewerblichen Handwerker. Ervor allem hat jene innere Umbildung erfahren, von der ich eben sprach.Er ist heute ein anderer als noch vor hundert und selbst fünfzig Jahren.
Er ist teilweise weniger, als sein Vorgänger war.
Er befindet sich vielfach in Abhängigkeit vom Kapital, die zueiner Art neuer Hörigkeit ausarten kann: siehe das 48. Kapitel. Ermuß in zahlreichen Fällen seine Handwerkertätigkeit durch An-gliederung anderer Arbeiten zu ergänzen suchen, weil sie allein ihmkeinen auskömmlichen Lebensunterhalt gewährt.
Eine der beliebtesten Arten von Nebenerwerb, den der Handwerkerfindet, ist das Ladengeschäft, das für viele Handwerker zum Haupt-beruf geworden ist: Buchbinder, Klempner, Sattler, Tapezierer, Hand-schuhmacher, Drechsler u. a. beziehen mehr aus dem Verkauf fertigbezogener Waren als aus ihrer Handwerkerarbeit. Aber auch allerhandandere Nebenberufe sucht der Handwerker auszuüben, um die Lückenseiner eigentlichen Facharbeit auszufüllen: er wird Agent, Portier,Totengräber, Nachtwächter, Sonntagskellner, Zeitungsträger, Aus-läufer, Laternenanzünder, Kirchendiener. Oder er greift auf ein be-nachbartes Handwerk über: der Schlosser sucht die Schmiedearbeiten,der Schmied die Schlosserarbeiten an sich zu ziehen; die Zimmerei-betriebe verrichten die Bautischlerarbeiten; die Tischler setzen dieFensterscheiben ein; die Bäcker treiben nebenher Konditorei undPfefferküchlerei; Sattler- und Tapezierarbeiten werden vereinigt, auchwohl Stellmacher- und Schmiedearbeit zum Wagenbau. Es liegt hieralso ein ähnlicher Vorgang vor, wie wir ihn in der Entwicklung derkapitalistischen Unternehmung zur kombinierten Unternehmung be-obachtet haben, der freilich ganz anderen Ursachenreihen seinen Ur-sprung verdankt.
Er — der gewerbliche Handwerker von heute — muß sich in denmeisten Fällen begnügen mit den Brosamen, die von dem Tische desKapitalismus fallen. Was diesem zu verrichten „nicht lohnt“, bildetvielfach den Arbeitsbereich des Handwerkers. Er hat in weitestemUmfange alle Neu arbeit verloren und muß sich mit Flickarbeit zu-frieden geben. Das gilt von manchem unserer größten Handwerke,wie der Schusterei, der Schneiderei, der Tischlerei.
Teilweise ist aber der Handwerker unserer Tagemehr als die Handwerker früherer Tage waren, wenn man unter„mehr“ die größere ökonomische Anpassungsfähigkeit versteht. Er hatteilweise seinen Betrieb „modernisiert“, indem er gewisse „Errungen-