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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft

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(3.) die Auswucherung durch die Geldleiher.

Während ich über den ersten und zweiten Punkt schon ausführlichgesprochen habe (siehe das 23. und das 17. Kapitel), will ich nocheiniges über den dritten Punkt nachtragen. Ich nehme als Grundlagedie deutschen Verhältnisse, die mir in mancher Hinsicht typisch zusein scheinen.

Ich habe im 48. Kapitel bereits die Tatsache festgestellt, daß dieFinanzierung der Bauernwirtschaften häufig durch fremde Geldgebererfolgt. DieseFinanzierung nimmt nun häufig Formen an, die wirals Wucher oder wucherische Ausbeutung zu be-zeichnen uns gewöhnt haben. Das heißt (im ökonomischen Sinne) eineAusbeutung oder noch genauer, weil ganz ohne ethische Färbung: eineAnteilnahme an den Erträgnissen fremder Arbeit, die über den landes-üblichen Durchschnitt einer Verzinsung hinausgeht. Eine solcheAus-beutung pflegt dort sich einzustellen, wo besonders weltfremde undgeschäftsunkundige Personen mit wirtschaftlich hervorragend begabtenElementen Zusammenstößen. Das aber trifft in vielen bäuerlichen Ge-genden Deutschlands zu, namentlich in den kleinbäuerlichen Geländendes Westens und Südwestens (Hessen, Ith einlande, Elsaß-Lothringen,Baden, Teilen von Württemberg und Bayern) . Hier ist (heute könnenwir schon sagen: war) es einer verhältnismäßig kleinen Anzahl vonHandelsleuten (fast durchgängig jüdischer Abstammung) gelungen,einen großen Teil der Bauernschaft in eine tatsächliche Schuldknecht-schaft zu bringen, also daß die kleinen Landwirte nicht mehr für sichund die Ihrigen, sondern fast ausschließlich für jene Geschäftsleute denAcker bestellten.

Wir besitzen über denWucher auf dem Lande eine Enquete desVereins für Sozialpolitik aus dem Jahre 1887, die zur Zeit ihres Er-scheinens viel von sich reden machte, und die von einer Reihe vonKritikern in der abfälligsten Weise beurteilt worden ist. Unzweifelhaftist sie theoretisch, das heißt methodologisch, grundschlecht. In ihrenpraktischen Ergebnissen ist sie trotzdem, wie mir scheint, unüber-trefflich gut. Denn was durch die fast stereotype Berichterstattungvon Auskunftspersonen, die untereinander keinerlei Fühlung hatten,mochten die einzelnen Referenten auch so voreingenommen wie mög-lich sein, doch sicher erwiesen wurde, w'ar: daß die Auswucherungder kleineren und mittleren Bauern als eine allgemein verbreitete Er-scheinung in Deutschland zu gelten habe, die in den genannten Ge-bieten eine besonders weite Ausdehnung erlangt hatte; eine Erscheinung,