Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft
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Im zaristischen Rußland war der Bauer in seiner großen Masseund vor allem der Bauer der Getreideausfuhrzone unterernährt. Sobetrug — beispielsmäßig — der Reinertrag der russischen Getreide-ernte in den Jahren 1895—1897 (2 gute Ernten, 1 Mißernte) durch-schnittlich 2186 Millionen Pud; die durchschnittliche Jahresausfuhr:656 Millionen Pud. Für den Verzehr im Lande — Menschennahrungund Viehfutter — blieben also 1580 Millionen Pud oder 14,6 Pud aufden Kopf; das sind 239 kg oder ein Drittel weniger als der deutscheGetreidekonsum, obwohl Rußland viel weniger Kartoffeln und wenigerFleisch ißt. (Nach amtlichen Ermittlungen:C. Lehmann und Par-vus, Das hungernde Rußland [1900], 530.)
Schärfere Formen nahm das Elend an, wenn eine Mißernte auf-trat, die dann für weite Gebiete eine Hungersnot im wahren Sinnedes Wortes herbeiführte. Solche Mißernten stellten sich (und stellensich) in Rußland in regelmäßiger Wiederkehr ein: wir verzeichnen siein den Jahren 1879 und 1880, 1891 und 1892, 1897 und 1898, 1907und 1908 (die Mißernten treten meist zwei Jahre hintereinander auf:die besten Studien hat der russische Statistiker Lossizky angestellt,der auch den genannten beiden Verfassern des „hungernden Rußland“,soweit sie nicht aus eigener Anschauung schöpften, als Quelle diente).
Die Gründe, die diesen Zustand herbeigeführt haben, sind sehrmannigfach, lassen sich aber auf zwei uns bereits bekannte Grund-tatsachen zurückführen: die rasche Zunahme der Bevölkerung und dasEindringen des Kapitalismus. Diese hatten mittelbar und unmittelbarzur Folge, daß alle jene Umstände, von denen wir die ökonomischeLage des Bauern abhängen sahen, sich ungünstig für ihn gestalteten,
(1.) Der Ertrag der Bauernwirtschaft war gering:
a) wegen der Kleinheit der Stelle:
Bei der Bauernbefreiung und der damit verbundenen Landzuweisungsind die Ackerlose im allgemeinen zu klein bemessen worden. Die Staats-bauern erhielten 6,7 Deßjatinen (1 Deßj. = 1ha), die Apanagebauern 4,9,die Gutsbauern 3,2, im Schwarzerdegebiet jedoch nur 2,2, im Gouverne-ment Podolien 1,9, in den Gouvernements Poltawa und Kiew 1,2. Viel-fach begnügten sich die Bauern, um den hohen Zinslasten zu entgehen,mit den zinsfreien sogenannten Bettelanteilen im Umfange von 0,9 bis1,1 Deßj. Seit der Bauernbefreiung bis zur Revolution hatte sich die Bauern-schaft von 45 auf 110 Millionen Köpfe vermehrt. Die Anteile, die auf deneinzelnen entfielen, waren also noch kleiner geworden und sind der völligenPulverisierung nur dadurch entgangen, daß doch immer etwas Gutslandhinzugekauft wurde. Trotz dieses Zuwachses, den das Bauernland er-fuhr, sank die Durchschnittsgröße des einzelnen Bauemgrundstücks von