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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe

Aber erst das spätere Quattrocento sieht die Frau nacktals Weib und entdeckt die intimen Schönheiten des weiblichenKörpers und schöpft die Reize der sinnlichen Liebe ganzaus. Man kämpft um die Liebe und um die Frau: die Malermalen mit Vorliebe denKampf der Liebe und der Keusch-heit (Pietro Perugino, Sandro Botticelli ), aber der Ausgangist nicht zweifelhaft: in den Fresken, die im Palazzo SchifanoiaFrancesco Cossa malt, im Frühling Botticellis , in seiner Ge-hurt der Venus bricht die Liebe zum Weibe und seinerSchönheit siegreich durch.

Was Laurentius Valla in seinem Traktat über dieLust (1431) theoretisch gleichsam ausgesprochen hatte, dastritt uns nun als Empfindung des wirklichen Lebens aus denWerken der Maler und Dichter bildhaft entgegen:Was gibtes Süßeres, was Ergötzlicheres, was Liebenswerteres als einschönes Gesicht? Sicherlich kann auch der Eingang zumHimmel nicht lieblicher ausschauen. (Quid suavius quiddelectabilius, quid amabilius veuusta facie? Adeo vix ipsein coelum intuitus iucundius esse videatur.) 61 Valla ent-rüstet sich, daß die Frauen ihre schönsten Körperteile nichtnackt zur Schau tragen: wie er den Frauenkörper schildert,mutet an wie die schönsten Strophen imHohen Lied von Heinrich Heine. (Hundert Jahre später hätte übrigensValla. schon erheblich mehr von seinen Forderungen erfülltgefunden.) Firenzuola hat dann im Cinquecento das Schön-heitsideal der neuen Zeit gleichsam kanonisiert 62 . Lieben aberheißt, diese Schönheiten genießen:Nichts anderes ist dieLiehe als Genuß; wie ich den Wein, das Spiel, die Wissen-schaft liebe, so liebe ich die Frauen; das heißt: ich werdedurch Wein, Spiel, Wissenschaft und Frauen ergötzt. Ge-nießen ist aber der letzte Sinn des Lebens: man genießtnicht nur irgendeines dahinterliegenden Zweckes willen: derGenuß selbst ist der Zweck. (Neque aliud est amor quamdelectatio: ut amo vinum, amo ludos, amo scientiam, amo