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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Drittes Kapitel: Die Säkularisation (1er Liebe

servitii a queste panthiere, amare queste tigri ec. ec. Das glitzert undglänzt so seitenlang weiter, wie ein Sturzbach, daß man versucht ist, dasganze Kapitel abzuschreiben. Übrigens sieht man, wie sehr sich derbrave Garzoni die Flügel verbrannt haben muß, wenn er soviel Weisheitin Liebessachen aufgehäuft hatte.

Das Jahrhundert, Tizians bricht an, in dem die Seele unddie Sinne zu nie gekannter Harmonie zusammenfließen, indem die Frauen liehen die Schönheit lieben und die Schön-heit lieben leben bedeutete. Zuwelcher unerhörten Feinheitdas Liebesieben ausgebildet war, sehen wir noch besser fastals aus den Werken der Dichter und Maler und Bildhaueraus demtheoretischen Traktat von der Liebe, den diese Zeithervorgebracht hat: aus den Asolani Pietro Bembos .Ursachaller Dinge ist die Liebe, lesen wir da;das Süßeste überalle süßesten Dinge hinaus ist die Liebe (giovevolissimo öAmore sopra tutte le giovevolissime cose ) Bi . Und was ist dieLiebe: alle Weisen stimmen dahin überein, daß Liebe nichtsanderes sei als die Sehnsucht nach dem Schönen (di bellezzadesio). Die Schönheit aber ist nichts anderes als die Grazie,die aus der Wohlgestalt und Übereinstimmung und Harmoniein den Dingen erwächst (una gratia che di proportione e diconvenenza nasce et d harmonia nelle cose). Für Körper undGeist gilt dasselbe:So wie der Körper schön ist, dessenGlieder in gutem Verhältnis zueinander stehen, so ist jenerGeist schön, dessen Tugenden unter sich harmonieren . . .Die Liebe streckt die Flügel aus nach der Schönheit . .Und zwei Fenster öffnen sich ihr bei diesem Fluge: das Ohr,durch das sie zur Seele fliegt, das Auge, das sie zum Körperträgt (A quäl volo egli due finestre ha; V una che a quelladelT animo lo manda e questa e V udire: P altra che a quelladel corpo lo porta et questa ö il vedere 55 .

Damals war wohl Italien das einzige Land, in dem derKultus der Liebe und der Schönheit eine Stätte gefundenhatte: Frankreich war noch im Puppenstande. Montaignebeklagt sich bitter über das Ungeschick der Franzosen in der