iJ
56 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe
Schicksals eingeschlossen zu sein: daß alle Kultur, weil sieAbkehr vom Natürlichen ist, auch Auflösung, Zerstörung,Tod bedeutet.
„Ein wenig besser würd’ er leben,
Hätt’st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und biaucht’s allein,
Um tierischer als jedes Tier zu sein.“)
Offenbar stand nun aber diese rein hedonistisch-ästhetischeAuffassung vom Weibe und der Liebe zu ihm, wie sie seitdem Trecento allmählich zum Durchbruch kam, in einem un-versöhnlichen Gegeusatze zu der religiösen oder institutionellenBindung, in die man ehedem die Liebe eingeschlossen hatte.Allenfalls verträgt sich mit einer degagierten Ansicht von derLiebe noch der religiöse Wahn. Das wundervolle Gedieht,das man dem heiligen Franz von Assisi zuschreibt und dasmit den Worten beginnt:
In foco 1’ Amor mi mise:in foco 1’ Amor mi mise:in foco d’ amor mi miseII mio Sposo novello . . .
könnte von jedem menschlich Liebenden geschrieben sein. Unddie Ekstasen der Mariaanbetung sind sicherlich der „freienLiebe“ jener Zeit nicht fern gewesen. Aber womit diesesich nie und nimmer abfiuden konnte, war die institutionelleEinkleidung des Liebeslebens in die Ehe. Der kosmischeLiebesinstinkt bindet sich ebensowenig wie der raffinierteLiebesgenuß an eine von dem Gesetze gezogene Schranke:er ist seiner Natur nach illegitim oder, richtiger, a-legitim.Und die Eigenschaft einer Frau, W T eib zu sein und schön undliebenswert zu sein, gewinnt weder noch verliert sie an ein-dringlicher Kraft durch irgendeine menschliche soziale Ein-richtung, wie es die Ehe ist.
Diese Erwägung, daß in der Ehe zwei vollständig hetero-gene Dinge zusammen gebracht seien: Liebe und Ordnung,