Druckschrift 
1 (1913) Luxus und Kapitalismus
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen
 

Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe

57

mußte sich den Männern, die über das Liebesproblem ihrerZeit nachdachten, alsbald aufdrängen. Und wir finden dennauch bei allenTheoretikern der Liebe dieses Problem ein-gehend behandelt. Einer der ersten, der aus seiner natür-lichen Auffassung von der Liehe die Konsequenz zog und dieBeziehungen der Geschlechter für a-legitim erklärte, war wohlLaurentius Yalla. Er spricht es unumwunden aus, daßes keinem Menschen etwas angehe, wenn zwei sich liebenwollen:si mulier mihi et ego mulieri placeo, quod tu tan-quam medius nos dirimere conaberis BBa ? Folgeweise kann esaber auch keinen Unterschied machen, meint Yalla, ob eineFrau mit ihrem Manne oder mit dem Geliebten Umgang pflege:omniuo nihil interest, utram cum marito coeat mulier autcum amatore.

Diese Auffassung tritt dann am deutlichsten in der schönenLiteratur, namentlich in dem leichten Genre, zutage: hatteBoccaccio doch noch immer einen gewissen Respekt vor derEhe zur Schau getragen, so gilt nun die Verspottung derEhe, gilt die Lächerlichmachung des betrogenen Ehemannesnicht nur als erlaubt, sondern gehört geradezu zum gutenTon. Selbst in den minder lasziven Novellen, deren ReihePiccolomini mit dem Euryalus begann, und in den minderobszönen Komödien ist der Ehebruch doch immerdas herr-schende Motiv B6 .

Einen Schritt weiter, den letzten in dieser Gedanken-richtung, tat dann Montaigne: wenn Liebe Genuß ist unddie Ehe eine soziale oder kirchliche Einrichtung, die viele sehredle Zwecke verfolgt (Montaigne spricht nur mit größter Ehr-erbietung von der Ehe und kommt gerade wegen der hohenMeinung, die er von der Ehe hat, zu seiner radikalen Ansichtvon dem Verhältnis der Liebe zur Ehe), so ist die Verwirk-lichung der Liebessehnsucht nicht nur nicht unabhängig von dervorhergegangenen Ehelichung; die beiden Dinge: Liebe und Eheschließen sich vielmehr aus. Er begründet seine Auffassung