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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe

wie folgt: Die Liebe haßt es, daß man sich an etwas andereshält als an sie, und hat nicht gern etwas gemein mit Be-ziehungen, die aus einem ganz anderen Grunde geknüpft sindwie es die Ehe ist, bei deren Eingehung Verbindung undVermögen mindestens so schwer ins Gewicht fallen wie Reizeund Schönheit. Man heiratet nicht seinetwegen, sondernebensosehr, wenn nicht mehr, um der Nachkommenschaft, umder Familie willen. So heißt es denn eine Art von Incestbegehen, wenn man in diesem ehrwürdigen und heiligen Bunde,der die Ehe ist, den Extravaganzen der Liebesleidenschafteine Stätte bereitet. Eine gute Ehe weist die Gesellschaftder Liebe zurück und will die Freuden der Freundschaft ge-nießen. Lieben und sich binden sind zwei grundverschiedeneDinge, die einander ausschließen.

Die Hauptstellen, in denen Montaigne diese Ansichtenausspricht und die ich dem Sinne nach wiederzugeben ver-sucht habe, lauten im Original folgendermaßen 67 :Lamourhait quon se tienne par ailleurs que par luy, et se meslelaschement aux accointances qui sont dressees et entretenuessous aultre tittre comme est le mariage: lalliance, les moyensy poisent par raison, autant ou plus que les graces et labeautö. On ne se marie pas pour soy quoiquon die; on semarie autant, ou plus, pour sa posteritö, pour sa famille.Aussi est ce une espece dinceste, daller employer, ä ceparentage venerable et sacrö, les elforts et les extravagancesde la licence amoureuse ... Un bon mariage . . . refuse sacompaignie et conditions de lamour: il tasche ä se presentercelles de lamitie . . .Nous aimons sans nous empescherdeux choses diverses et qui se contrarient.

Was Tizian und Giorgione malten, was Ariost undRabelais dichteten, das war in diesen Ansichten zur Theoriegestaltet worden: die Liebe, die in sich selbst ihren höchsten,ja einzigen Sinn fand, mußte mit Notwendigkeit außerhalbund jenseits aller Einrichtungen hausen, die von Menschen