Die Kurtisane
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zu irgendwelchen sozialen oder moralischen Zwecken insLeben gerufen waren, mochten sie auch die Weihe der Kircheempfangen haben.
Wichtiger aber und entscheidend für den Kulturgang wares, daß die Gesellschaft jahrhundertelang dieser Auffassunggemäß gelebt hat, daß jahrhundertelang in bestimmtenSchichten sich wie selbstverständlich Ehe und Liebe trenntenund jede für sich mit gleicher Berechtigung nebeneinanderbestanden, womit ja im Grunde nur die Lebensgewohnheitendes griechischen (und spätrömischen) Altertums wieder auf-genommen wurden. Das müssen wir im folgenden noch etwasgenauer verfolgen, insbesondere insoweit es der europäischenGesellschaft das Hetärentum brachte.
II. Die Kurtisane
Wenn in einer Gesellschaft die freie Liebe sich nebender gebundenen Liebe einzunisten beginnt, so sind die Frauen,die dieser neuen Liebe dienen, entweder verführte Mädchenanständiger Familien und Ehebrecherinnen oder Huren. Wiesehr in den Oberschichten der europäischen Völker seit denMinnesängern die rein erotisch orientierte Liebe an Bedeutungzugenommen hat, müssen wir also aus der Zunahme der Ver-führungen , des Ehebruchs und der Prostitution entnehmen.
Ziffern für die beiden ersten Formen der freien Liebestehen uns nicht zur Verfügung. Aber wir können aus denUrteilen der Zeitgenossen wie auch aus mancherlei Anzeichenrecht wohl schließen, daß sie in der Tat all die Jahrhundertehindurch eine wichtige Rolle gespielt haben. Petrarca meint,daß zu seiner Zeit die Pest des Ehebruchs recht eigentlicherst zum Ausbruch gekommen sei. Jetzt gehöre es zumguten Ton, daß ein junger Mann eine verheiratete Frau ver-führe : vorher sei er nicht glücklich, weil er von seinen Alters-genossen verachtet werde. Daher komme dann jener fieber-hafte Hunger nach galanten Abenteuern bei den jungen