Die Kurtisane
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dann ist lange Zeit Rom berühmt wegen der Fülle vonPuellae publicae, die sich in seinen Mauern aufhielten: 1490weist eine ziemlich zuverlässige Statistik 6800 Meretricesnach. Das wären verhältnismäßig noch mehr (Rom hatte da-mals noch nicht 100 000 Einwohner), als uns für London undParis am Ende des 18. Jahrhunderts angegeben werden:50000 und 80000.
Aber wichtiger für die Gestaltung namentlich der äußerenKultur ist die Tatsache geworden, daß sich in dem Maße,wie die illegitime Liebe, das heißt die Liebe als Selbst-zweck, sich ausbreitet, zwischen die Femme honnete unddie Putaine eine neue Schicht von Frauen schiebt, fürdie wir die verschiedensten Bezeichnungen in den roma-nischen Sprachen haben (die deutsche und wohl auch eng-lische Sprache hat dafür keinen einzigen Ausdruck, wennman nicht den unbestimmten Ausdruck „Buhlerin“ geltenlassen will, ein Zeichen, daß die Sache selbst entweder ganzauf die Länder romanischer Zunge beschränkt geblieben odervon dort zu uns hereingebracht ist): Cortegiana, Kurtisane,Konkubine, Maitresse, Grande Amoureuse, Grande Cocotte,Femme entretenue usw.
Mit diesen Frauen tritt die Liebe, die zu einer freienKunst geworden ist, wieder aus dem Stadium des Dilettan-tismus heraus und wird der Ptiege Berufener überantwortet.Wie zu jeder Kunst Talent und Übung gehören, so in ganzhervorragendem Maße zur Liebeskunst, weshalb diese erstzu ihrer vollen Entfaltung gelangen konnte, nachdem durcheinen natürlichen Ausleseprozeß die talentvollen Frauen ausder Masse herausgehoben und diesen Gelegenheit gebotenworden war, durch ausschließliche Beschäftigung mit dieserKunst sich zu Meisterinnen in ihr auszubilden.
Kurtisane, Cortegiana bedeutet zunächst nichts anderesals Hofdame. Es gab Hofdamen mit lediglich legitimen Liebes-beziehungen auch. In dem dritten Briefe seines Buches über