62
Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe
den Hofmann, das Castiglione der Cortegiana gewidmethat, wird von Magnifico sogar die Ansicht vertreten: die Liebes-beziehungen der Hofmänner und der Hofdamen sollten nurlegitime sein. Freilich, „lächelnd“, „ridendo“ widersprachenihm die meisten aus seinem Kreise: sie werden gewußt haben,weshalb: daß die Forderung Magnificos recht weit von derWirklichkeit entfernt sei. Frühzeitig aber muß die illegitimeLiebesbeziehung feinerer Frauen und der Verkehr bei Hofeidentifiziert worden sein. Ich vermute, daß bei der Heraus-bildung dieser Vorstellung das Hofleben an den päpst-lichen Residenzen starken Einfiuß gehabt hat. In Avignon( wo vielleicht die moderne Kurtisane entstanden ist) lebteein Kreis geistvoller und schöner Frauen am Hofe des Papstesund der hohen Kirchenfürsten. Man hat geradezu von „aca-dömies de femmes aimables“ gesprochen, und man brauchtnur an Namen wie Mabille de Villeneuve, Briande d’Agoult,Huguette de Forcalquier, Beatrix de Sault, Laure de Noves,Blanche de Flassans, Isnarde de Roquefeuille, Doucette deMoustiers, Antoinette deCadenet, Magdeleine de Salon, Blanche-fleur de Pertais, Stöphanette de Ganteime, die schöne Adelisevon Avignon, die Cousine der Laura, zu erinnern, um denAusdruck gerechtfertigt zu finden.
Nun konnte aber die Frau in der Umgebung einesKirchenfürsten immer nur eine Maitresse sein, sobald sie(was doch gewiß nicht selten vorkam) mehr als rein geistigeBejziehungen mit den hohen Herren unterhielt. Also mußtehier schon aus einem rein äußerlichen Grunde die Cortegianaeine Kurtisane werden.
Was in Avignon begonnen war, wurde in Rom fortgesetzt:auch hier war die Dame am Hofe von Natur „illegitim“.
An den Höfen der weltlichen Fürsten bestand dieseräußere Zwang zur Illegitimität nicht: der innere Drang er-setzte ihn aber reichlich. Das Neue der Renaissancezeit warnicht einmal, daß die Fürsten sich Kebsinnen erkoren: das