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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Die Kurtisane

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hatten sie wohl immer getan. Aber die Bürgermädchen, dieLudwig XI. von Frankreich sich in sein Bett bestellte, warennoch längst keineKurtisanen: das wurden sie erst, wennsie in die Hofgesellschaft aufgenommen worden und als Mai-tressen des Herrschers offiziell anerkannt waren. Die erstenTyrannen, die ihre Konkubinen zum Range von Fürstinnenerhoben, sollen Bernabö und Giangeleazzo Visconti gewesensein. Aber das Reich der Cortegiana bricht doch erst an etwaum die Zeit, als wir Cossa die Fresken im Palazzo Schifanoia malen sehen: als der Hof im modernen Sinne mit Frauen unddurch Frauen entstand: von da ab wurde die Galanterie derInhalt und der Schmuck des Hoflebens. Kein Hof, so großer sein mag, kann Glanz entfalten oder Fröhlichkeit ohneFrauen, noch kann ein Hofmann etwas von Bedeutung seinoder tun, ohne von der Fraueuliebe erfüllt und angetriebenzu werden, meint Castiglione in seinem Buche überden Cortegiano (Corte alcuna, per grande che ella sia, nonpuö aver ornamento o splendore in se, allegria, senza donne; Cortegiano alcun essere aggraziato, piacevole o ardito,far mai opera leggiadra di Cavalleria se non mosso dalla pra-tica, e dell arnore e piacere di donne).

Und daß dabei nicht an eheliche Bündnisse gedacht wurde,versteht sich bei dem Geist der Zeit wohl von selbst: sowurde eine Cortegiana nach der anderen zur Maitresse einesCortegiano, vom Fürsten angefangen, bis Cortegiana undKurtisane (im heutigen Sinne) gleichbedeutend gewordenwaren.

Nun beginnt die Zeit derMaitressenwirtschaft, die alsonach dem Gesagten eine notwendige Begleiterscheinung derFürstenherrschaft, wie nun einmal die Auffassung von derBeziehung der Geschlechter zueinander sich gestaltet hatte,war. Großzügig wird das System in dem Maße, wie die kleinenHöfe von den großen abgelöst werden. Man weiß, daß auchin diesem wichtigsten Punkte seit der Reformation Frank-