64
Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe
reich die Führung übernimmt: die Geliebten Franz I. sinddie ersten Königsmaitressen, die wir lebendig vor uns sehen.Dieser König war es ja, der, wie wir sahen, in der Galanterieden Sinn des Hoflebens erblickte, und „der wichtige Schrittder Galanterie bestand darin, daß er seine Maitresse ohneBlödigkeit zur ersten Person des Hofes machte“ (Hein-rich Laube ).
In diesen öffentlich anerkannten Königsliebchen, die nundie Welt zu beherrschen anfingen, wurde die ganze Zunft derberufsmäßigen Venuspriesteriunen gleichsam geadelt. Von derillegitimen Liebesbeziehung, wenigstens soweit sie bei Hofegeknüpft wurde, war dadurch auch äußerlich der Makel ge-nommen.
Aber der Einfluß des Hofes auf alles, was sich zur Ge-sellschaft rechnete, war während unserer Epoche zu groß,als daß sich diese Legitimierung der Illegitimität nicht all-mählich auch auf die freien Liebesbeziehungen außerhalb desHofes hätte ausdehnen sollen.
Frauen fingen an (so könnte man sagen), in den sichentwickelnden Großstädten auch außerhalb des Hofes wieHofdamen zu leben; so kam die Kurtisane zur Welt, die garnichts mit dem Hofe zu tun hatte: als Femme entretenue,so lange sie (offiziell) nur einem, als Kokotte, wenn sie gleich-zeitig mehreren Männern ihre Gunst schenkte. Mit dem Be-griff „käufliche Liebe“ kann man innerhalb der Oberschichtder Puttanen keinerlei Grenzen ziehen.
Auch die Kurtisane, die gar keine war, ist un-gefähr um dieselbe Zeit geboren, wie ihre höfische Schwester,die ihr den Namen gab. Und an demselben Orte: in den Groß-städten Italiens, unter denen namentlich Venedig und BomAnteil genommen haben. Die Sterne standen hier besondersgünstig, um einen neuen Frauentyp zu schaffen: der Reich-tum; die Freude an der Wiederbelebung des Altertums,dessen Hetären man sieh einbildete, wieder erstehen lassen