Die Kurtisane
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zu können; die Größe der Stadt wirkte zusammen mit derallgemeinen Weitherzigkeit der Zeit (d. h. immer, wohl ge-merkt: der oberen Gesellschaftsschicht; denn in der Zeitlebten auch die braven Färbermeister und die ehrsamenHandelsherren, die sicher den eleganten Kurtisanen mit eben-solchem Entsetzen in weitem Bogen aus dem Wege gegangensind wie heute irgendein Oberlehrer oder ein GeheimerRat), um einen Teil der Dirnen, eine kleine Oberschicht, mitdem Nimbus auserlesener Menschenkinder zu umgeben: daswaren die „ehrenwerten Buhlerinnen“, die „honeste corti-giane“, oder „cortesane famose“, wie sie ein (fragmen-tarisches) Verzeichnis der römischen Dirnen aus der Zeitum das Jahr 1500 bezeichnet. Es waren ihrer 200 ander Zahl, und sie werden den cortesane puttane oder de laminor sorte gegenübergestellt 58 .
Hier ist also mit aller nur wünschenwerten Deutlichkeitgesagt, daß der Differenzierungsprozeß, von dem ich hierspreche, sich vollzogen habe.
Man hat in letzter Zeit viel über die „Cortesane famose“des Renaissance-Jahrhunderts geschrieben. Eine MengeQuellen sind neu erschlossen. Man kennt alle berühmtenKokotten, die damals in Rom, Florenz oder Venedig gelebthaben, als Sixtus IV. und Alexander VI. und Leo X. regierten,mit Namen. Man streitet sich sogar über den Grad ihrer„Bildung“, mit der sie prunkten, und über die Güte ihrerGedichte, die sie mit mehr oder weniger fremder Hilfe ver-fertigten. Du lieber Gott — als ob das das Wichtige bei derSache wäre. Gewiß war die Bildung nur „Büldung“, gewißwaren die Verse schlecht (wie heute noch). Das mag sein.Aber darin lag auch nicht die Bedeutung dieser neuenMenschenspezies, sondern darin, daß eine Tullia d’Aragonajahrelang einen Filippo Strozzi an der Nase führen konnte,und daß eine Imperia es verstand, sich jahrelang vom reichstenManne Italiens, Agostino Chigi , aushalten zu lassen. Das