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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
Entstehung
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66 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe

vermochten sie gewiß nicht kraft ihrer Verse, sondern dazubedurfte es, wie Maupassant es nennt, andererqualitösrares, über die sie gewiß in reichem Maße verfügten. Unddamit wurden sie zu einer Macht, die auf den Gang derKultur gewaltigen Einfluß ausgeübt hat. Nicht, daß ein ver-liebter Nebenhergeher auf die schöne Imperia eine rühmendeGrabinschrift dichtete:Imperia, Cortesana Romana, quaedigna tanto nomine, rarae inter homines formae specimendedit, nicht darin und in ähnlichen Galanterien, sage ich,tritt die hohe Bedeutung zutage, die die Grandes Amoureuseszu jener Zeit in Italien offenbar gehabt haben, wohl aberdarin etwa, daß der Kirehenvorstand dieselbe Imperia in derKapelle der heiligen Gregoria begraben ließ, oder daß dieTaufe des ersten Sohnes, der Agostino Chigi von seiner neuenMaitresse, der Venetianerin Francesca Andreosia, geborenwurde, der Papst in eigener Person, umgeben von 14 Kardi-nalen, vollzog.

Ebenso wie die Hof- und Fürstenmaitresse gelangte auchdie Stadtmaitresse erst in Frankreich zu voller Entwicklung:in der Gestalt, die sie dort annahm, wurde sie dann Gemein-gut aller europäischen Länder.

Bedeutsam für die Herausbildung des Typs der modernenKurtisane wurde der Umstand, daß seit dem Ende des 16. unddem Anfang des 17. Jahrhunderts auf den Pariser TheaternFrauen erschienen: eine Sitte, die in England unter Karl II. eingeführt wurde. Damit war Ersatz geschaffen für die antiki-sierende Aufmachung der Renaissance-Kokotten: denNimbus,ohne den nun einmal die freie Liebesbeziehung höherer Artnicht auskommen kann, schuf jetzt das Theater. DieTheaterdame,der Theaterstar, die Tänzerin an der großen Oper: sie löstendie dichtenden und malenden Kurtisanen des Cinquecento ab.

Während des 17. und 18. Jahrhunderts vermehrte sichdann die Zahl der Stadtmaitressen in den Zentren der Kultur,vor allem natürlich in Paris und London, immer mehr, in