Die Kurtisane
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dem Maße, wie sich die Sitte verallgemeinerte, eine eleganteFrau statt oder neben der Ehefrau auszuhalten. Wenn unsaus dem Ende des 18. Jahrhunderts berichtet wird, daß vonzwanzig der großen Herren am Hofe mindestens fünfzehn nichtmit ihren Frauen, sondern mit ihren Maitressen lebten 69 , sowird diese Schätzung der Wahrheit gewiß recht nahe ge-kommen sein. Aber nicht nur der Kavalier bei Hofe hältsich eine Maitresse: auch bei den Turcarets gehörte es baldzum guten Ton, sich bei den Dämchen mit der mittelmäßigenTugend, wie man sie nannte (demoiselles de moyenne vertu),einzuschmeicheln. Die Ausgaben, die diese Liaisons ver-ursachten (ich komme noch darauf zu sprechen), bildetenden größten Posten im Etat der großen Geldmänner, berichtetuns auf Grund sehr genauer Studien der beste Kenner dieser„Verhältnisse“ (Thirion). Die Annalen der Galanterie des18. Jahrhunderts verknüpfen auf das engste Liebesabenteuerund Generalpächtertum 60 .
Dasselbe wird uns von London berichtet: daß hier einunverheirateter Engländer, der über 2000 Einkünfte ver-fügt, für seine Bedürfnisse kaum 200 £ ausgibt: „alles übrigeist seinen Vergnügungen gewidmet, worunter die Mädchender erste und letzte Artikel“ sind (Archenholz).
Angesichts solcher Urteile werden wir auch die Ziffer-angabe glaubhaft finden, die uns gute Beobachter von derZahl der Stadtmaitressen in Paris und London machen:Mercier z. B. nimmt an, daß zu seiner Zeit 10000 Frauenin Paris „ausgehalten“ wurden. In London lebten um die-selbe Zeit in einem einzigen Kirchspiel (Marybonne) 1700Kurtisanen in eigenen Häusern.
Welchen breiten Raum die „käuflichen“ Geliebten imLeben der damaligen Gesellschaft einnahmen, läßt auch dieSitte erkennen, die in den großen Städten bestand, Adreß-bücher der besseren Kokotten jährlich herauszugeben, indenen jede einzelne mit Namen genannt und nach Gesichts-