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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
Entstehung
Seite
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03 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe

bildung, Manieren, Talenten usw. genau beschrieben war. Daswar in London Harrys List of Covent-Gardens Ladies, die ineiner Auflage von 8000 (!) reißend abging; in Paris derAlmanac des adresses des demoiselles de Paris de tout genreet de toutes les classes. Calendrier du Plaisir. A Paphos.

Ganz besonders wichtig erscheint mir nun aber der Um-stand, daß durch das Emporkommen der eleganten Kurtisaneauch die Geschmacksbildung der anständigen Frau,d. h. also: der Frau von Stande in der Richtung des Kokotten-haften beeinflußt wird.

Zunächst ist es die Hofgesellschaft, die die Lebensgewohn-heiten aller guten Gesellschaft bestimmt: Paris singe dela cour, sagt kurz und bündig La Bruyere. Die Hof-gesellschaft selber aber steht unter dem beherrschenden Einflußder jedesmaligen amante en titre des Fürsten. So zieht alsodie Königsmaitresse tiefe Furchen in den Acker.

Sie ist aber vor allem wieder das Vorbild der Stadt-maitresse, der Grande Cocotte. Diese erscheint in ihren An-fängen geradezu als ein Konkurrenzunternehmen gegen den Hof.

Ninon de lEnclos tritt geradezu die Erbschaft der M e deMaintenon an: sie pflegt, als diese alt und fromm wird, diealten Traditionen der Lebensfreude: die Rue de Tournellesnimmt den Kampf mit St. Cyr auf.

So muß nun aber auch die anständige Frau der Gesell-schaft, will sie nicht völlig ausgeschaltet werden, sich dazubequemen, wiederum mit der Maitresse in Konkurrenz zutreten. Diese schafft gewisse Mindestbedingungen der Kultur,die jede Dame der Gesellschaft, sei sie so anständig wie siewolle, dann erfüllen muß.

So wird die femme honnete offenbar erst durch dieKurtisane dazu veranlaßt, sich zu waschen. Marieu de Romieurät in ihren Instructions pour les jeunes Alles (16. Jahrhundert)den Frauen, sich sauber zu halten: sei es auch nur für sichselbst oder für den Gatten.