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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
Entstehung
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Begriff und Wesen des Luxus

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kaufe: beide Male treibe ich Luxus, aber man empfindetalso gleich, daß diese beiden Akte weltenverschiedensind. Man kann vielleicht jene Weihe einen idealistischenoder auch altruistischen Luxus, diese Anschaffung einenmaterialistischen oder auch egoistischen Luxus nennen, indemman damit Bestimmung und Beweggrund gleichermaßen unter-scheidet.

Wenn hier von einer Luxusentfaltung gesprochen wird,so ist nur an die zweite Art von Luxus gedacht: an jenenalso, der dazu dient, das persönliche Leben aus selbstsüchtigenMotiven miteitlem Tand auszustatten. Denn nur diese Artvon Luxus ist es, die in der Epoche der Renaissance in weiterFassung, also in der Zeitspanne zwischen Giotto und Tiepolo ,besonders stark zur Entwicklung gelangt. Jedenfalls will ichnur die Entfaltung dieses persönlichen Luxus hier verfolgen,will ich nur seiner Entstehung nachspüren.

Aller persönliche Luxus entspringt zunächst aus einer reinsinnlichen Freude am Genuß: was Auge, Ohr, Nase, Gaumenund Tastsinn reizt, wird in immer vollkommenerer Weise inGebrauchsdingen irgendwelcher Art vergegenständlicht. Unddiese Gebrauchsdinge machen den Luxusaufwand aus. AllerWunsch nach Verfeinerung und Vermehrung der Sinnenreiz-mittel wird nun aber letzten Endes in unserm Geschlechts-leben seinen Grund haben: Sinnenlust und Erotik sind letztenEndes ein und dasselbe. Sodaß der erste Antrieb zu etwelcherLuxusentfaltung in der großen Mehrzahl aller Fälle gewiß aufirgendwelches bewußt oder unbewußt wirkende Liebesempfindenzurückzuführen ist.

Deshalb wird überall dort, wo Reichtum sich entwickelt, undwo das Liebesieben naturgemäß und frei (oder frech) sich ge-staltet, auch Luxus herrschen. Während der Reichtum dort,wo das Liebesieben aus irgendwelchem Grunde verkümmert ist,nicht zur Verausgabung, sondern nur zur Vereinnahmung vonGütern: zur Häufung also der Güter und zwar möglichst in ihrer