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Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus
abstraktesten Form: den ungeformten Edelmetallen und danndem Gelde führen muß. (Was an andrer Stelle, wo ichder Genesis des kapitalistischen Geistes nachspüre, deraus diesem andern Strome gespeist wird, näher darzu-legen ist).
Ist aber erst einmal zu irgendeiner Zeit Luxus da, sowerden nun auch zahlreiche andere Motive rege, die auf seineSteigerung hindrängen: Ehrgeiz, Prunksucht, Protzerei, Macht-trieb, mit einem Wort: der Trieb, es dem andern zuvorzutun,stellen sich als wichtige Beweggründe ein. Vehlen in seinemgeistvollen Buche über die „nichtstuenden“ Klassen möchtealle Luxus- wie alle Besitzeswertung auf diesen Antrieb: vordem andern etwas voraushaben zu wollen, zurückführen. Aucheinmal zugegeben, dieser Trieb gehöre zu den elementarenTrieben der Menschennatur wie Hunger und Liebe, so be-darf es doch immer noch des Zusammentreffens besondererUmstände, damit er sich gerade in der Richtung der Luxus-entfaltung äußere. Das hat offenbar zur Voraussetzung, daßein luxuriöses Leben schon da ist, daß also in derEntfaltung von gleichem oder größerem Luxus ein Mittel,jenes Sichzuvortunwollen zu befriedigen, gefunden werdenkann. Während in andern Fällen die reine quantitative Über-bietung des andern: an Zahl der Sklaven, Größe des Land-besitzes oder des Geldvermögens, Höhe des Ranges oder ähn-lichem sich als die geeignete Form, sich hervorzutun, dar-bietet. Damit aber Luxus als persönlicher, materialistischerLuxus da sei, muß die Sinnenlust rege gewesen sein, mußvor allem also Erotik auf die Gestaltung des Lebens ihrenentscheidenden Einfluß ausgeübt haben.
Auf unsere Epoche angewandt: alle Bedingungen warenerfüllt, um großen Luxus zu erzeugen: der Reichtum, diefreie Gestaltung des Liebeslebens, das Streben einzelnerGruppen der Bevölkerung, sich andern gegenüber zur Geltungzu bringen, das Leben in der Großstadt, die, wie wir sahen,