Begriff und Wesen des Luxus 75
vor dem 19. Jahrhundert immer nur ein Zentrum des Ge-nusses war.
Aber eine solche Deduktion wäre doch ein wenig blutleerund möchte auch von manchem nicht als beweiskräftig ge-nug angesehen werden. Deshalb will ich in der folgendenDarstellung die Sache umkehren: ich will von der Tatsacheausgehen, daß in den Jahrhunderten seit dem Ausgang desMittelalters ein großer Luxus geherrscht hat, der sich gegenAusgang des 18. Jahrhunderts ins Maßlose steigerte, und will siedann erklären. Es gilt also zunächst, diesen Tatbestandeiner großen starken Luxusentfaltung aufzuweisen.
Dazu werden wir uns erst einmal der häufig wiederkehren-den Aussagen von Zeitgenossen erinnern, in denen meist geklagtwird über den unerträglich gewordenen Luxus: „Tout le mondeest fol, le luxe est poussö ä l’extreme et l’on assure que lamoitiö de Paris est ruinö et l’autre moitiö fait mötier defilouter“, schreibt 1787 ein Provinzler aus Paris an seineFrau. „Une des manies les plus tranchöes de ce temps-ci,“ meintM e d’Oherkirk, die alte Tante, „est de se ruiner en tout etsur tout.“ Am packendsten hat uns Mercier den trostlosenZustand geschildert, in den die Gesellschaft zu seiner Zeit ge-raten war 61 . Er nennt den Luxus den „Henker der Reichen“:Luxe, hourreau des riches, und zeigt uns nun mit eindring-lichen Worten, wie der Reiche vor lauter Übertreibung garnicht mehr zu einem Genüsse komme: „Die Reize sind nichtmehr befriedigt, sondern abgestumpft, und an Stelle einerpikanten Abwechslung treten bizarre Aufwendungen, die nurden dögoüt mit sich führen; das ist der Grund, warum alleswechselt, die Moden, die Trachten, die Sitten, die Sprache,ohne Sinn und immerfort. Die reichen Leute sind bald andem Punkte angelangt, nichts mehr zu fühlen. Ihre Ein-richtungen sind eine Wechseldekoration; ihre Kleidung einetägliche Fron, ihre Mahlzeiten eine Parade. Und der Luxusquält sie, glaube ich, wie die Not den Armen quält; das hat