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Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus
Gewiß war Petrarca, der uns diese und viele ähnlicheSchilderungen vom Avignoneser Hofe hinterlassen hat, einnicht ganz unparteiischer, ein nicht ganz „vorurteilsloser“Beurteiler; aber daß er im Kern die Sache richtig dargestellthat, lehren uns andere einwandsfreie Zeugnisse. „Perversosmores in nostram Galliam invexit“ — das Papsttum nämlich,klagt Nicol, de Clamenges, de statu eccl. corrupt. c. 27 64 .Aber das besagt auch noch nicht allzuviel.
Ich denke vielmehr z. B. an die zeitgenössische Schilde-rung 66 der Feste, die man zu Ehren des Papstes Clemens V. veranstaltete, die mit den prachtvollen Worten schließt: „Gliocchi di Nostro Signore si spandeano sopra queste cose (dasBacchanale, in das die üppigen Mahlzeiten auslaufen: dieganze Gesellschaft tanzte durch die Gärten) dilettandosi nela diversitä de’ nobili solazzi, con quello modo temperato ematuro, che si conviene a tanta santitä . . „Die Augenunseres Herrn schweiften über alle diese Dinge hin, voll Freudeüber ihre Buntheit und Vergnüglichkeit, mit jener Milde undReife, wie sie sich für so viel Heiligkeit ziemt.“
Oder ich denke an die Inventarien des päpstlichen Palastes,mit denen uns E. Müntz bekannt gemacht hat 66 . Und findedas Urteil Petrarcas sachlich doch bestätigt. Freilich, umuns eine richtige Vorstellung vom Treiben in Avignon zumachen, müssen wir vor allem auch die zahlreichen Satelliten-höfe der Kirchenfürsten, die neben dem Papste dort resi-dierten, in Rücksicht ziehen: erst die Gesamtheit aller geist-lichen Höfe hat wohl den Glanz hervorgerufen, der uns ausden Schilderungen jener Zeit entgegenleuchtet. Denn dieAusgaben des päpstlichen Haushalts selber waren, wie neueForschungen ergeben haben, gar nicht so übertrieben große:vom 24. Juni 1305 bis 24. April 1307 (beispielsweise, aller-dings es ist der Anfang! Aber für die spätere Zeit sind meinesWissens die Ausgabenetats noch nicht publiziert) wurden nur175317 Goldgulden für Beamte und Dienstpersonal ausgegeben;