100 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus
alten Familien oder zu den ,honteuses alliances 1 mit den reichgewordenen Finanzbaronen, von denen wir ebenfalls schonKenntnis genommen haben: das Zwischenglied in dieser Ent-wicklung, das uns an dieser Stelle interessiert, war meistdie Verweltlichung, die Vermaterialisierung der adligen Ge-schlechter. Daß die ,Subiti guadagni 1 der Turcarets dieseWirkung hervorgebracht haben — und sie sind vor allem andieser Wandlung schuld, die freilich durch den Einfluß desHofes, wie wir schon sahen, unterstützt wurde — das scheintmir, wie gesagt, ein Ereignis von ganz besonderer Tragweitezu sein.
Dieser verhängnisvollen Neigung des Adels, mit denPfeffersäcken in der Luxusentfaltung Schritt zu tun, begegnenwir in allen Ländern zu allen Zeiten, in denen plötzlich derbürgerliche Reichtum an Umfang zunimmt.
So hören wir von Deutschland im 15. Jahrhundert schon:„Stutzertum und Brutalität zugleich wurden Kennzeichen desRitters.“ Der Kleiderprunk wurde ein Hauptgrund seinerVerschuldung. „Von der Costlichkeit der Cleider kommt esvil her,“ äußert ein Sittenprediger, „daß es abwärts get mitdem Adel in deutschen Landen; sie wollen prunken als dieriehen Kaufleute in den Städten tun . . . aber sie liant dasGeld nit, was jhene han ... So kommen sie in große schuldenund verfallen dem Wucher der Juden und Christenjuden undmüssen ihr Gut verkaufen ganz oder zum Teil.“ So verkaufteeine Witwe von Heudorf für ein geringes Geld das DorfGöppingen an der Ablach, um sich bei Gelegenheit einesTurniers einen blauen Sammetrock anschaffen zu können.
(Wir erleben ja bei uns jetzt erst das Ende dieser Ent-wicklung, durch die der Adel den materialistischen An-schauungen der Roture unterworfen ist: heute sind es dieletzten schwächlichen Versuche der paar letzten vornehmen,alten Familien, dem allgemeinen mammonistischen Zuge derZeit zu entgehen: es erscheint uns heute fast schon wie