Der Sieg des Weibchens
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wahrnehmen, die heute noch die Zone des Weibchens abgrenzt:es ist dieselbe Linie, die die Länder mit guten und die mitschlechten Küchen und Mehlspeisen voneinander trennt: inItalien, in Österreich, in Frankreich, in Polen die vortreff-lichen Süßigkeiten, in Norddeutschland der Flammeri, inEngland der Albert-Cake.
Diese Verknüpfung des Feminismus (alten Stils) mitdem Zucker ist nun aber wirtschaftshistorisch von allergrößterBedeutung geworden: weil in der frühkapitalistischen Epochedas Weibchen vorherrschte, wurde der Zucker so rasch einbeliebtes Genußmittel, und nur weil der Zucker da war, fandendie Reizmittel Kakao, Kaffee und Tee in Europa so rasch undallgemein Anklang. Der Handel in diesen vier Artikeln aberund die Produktion von Kakao, Kaffee und Zucker in deneuropäischen Kolonien sowie die Verarbeitung des Kakaosund die Raffinierung des Rohzuckers in Europa nahmen in derEntwicklung des Kapitalismus einen sehr breiten Raum ein.
Was wir von der Geschichte dieser Genußmittel und ihrerEinbürgerung in Europa wissen, bestätigt durchaus dieRichtigkeit dieser allgemeinen Schlüsse. Soweit diese Ge-schichte mit der des Zuckers zusammenfällt (und das ist inweitem Umfang der Fall), sind wir gut unterrichtet durchdas Buch von Edmund 0. von Lippmann 108 , dem auchdie folgenden Angaben im wesentlichen entnommen sind.
Erwähnt finden wir den Zucker zuerst im 14. Jahrhundert; ein-gebürgert als beliebtes Genußmittel ist er in Italien im 15. Jahrhundert.Heutzutage, schreibt Pancirollus, gibt es kein festliches Gastmahl,bei dem nicht eine Fülle von Zucker in vielerlei Art verwendet wird;Figuren und Gruppen, Vögel und Vierfüßler und die wunderschönstenFrüchte in den natürlichen Farben werden daraus nachgebildet, Rha-barber, Pignolien, Cinnamomen und andere Gewürze darin gemacht unddamit kandiert, zum Entzücken der Menschheit; ohne Zucker wird fastnichts mehr verzehrt, Zucker kommt an die Kuchen, Zucker in denWein, statt Wasser trinkt man Zuckerwasser, Fleisch, Fische und Eierbereitet man mit Zucker, kurz, man gebraucht Salz nicht mehr häufigerals Zucker!