118 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus
Wiederum erscheint Katharina von Medici als die Mittlerin, dieden Zuckerkonsum in der französischen Gesellschaft verbreitet. Unteranderem soll das italienische Gefolge dieser Fürstin zuerst den Gebrauchder Liköre in Paris bekannt gemacht haben, die dann von den Franzosenselbst zu hoher Vollendung gebracht wurden. Eine der beliebtestenMarken jener Zeit war das aus Alkohol, Zucker und Safran gewonneneVenusöl (Huile de Venus). Estienne versichert uns in seinem Traktatüber die Landwirtschaft bereits, daß der Zuckerkonsum sehr verbreitetsei. La Bruyere Champier, der Leibarzt Franz I., nennt (1560) Zuckerschon ein unentbehrliches Genußmittel, natürlich nur innerhalb der oberenSchichten der Gesellschaft, denn er erläutert seinen Ausspruch mitder Erklärung: „weil Leute von feiner Lebensart nichts verzehren, wasnicht mit Zuckerpulver bestreut ist“. Ebenso galten in England auchschon im 16. Jahrhundert Zuckerwerk, Gelees, Marmelade, kandierteZitronen, Orangen und Ingwer, sowie Schlösser, Schiffe und Figurenaus Zucker bei jeder feineren Mahlzeit als unentbehrlich.
Seit dem Anfänge des 17. Jahrhunderts bürgern sich dann mitHilfe des Zuckers Kakao, Kaffee und Tee in Fluropa ein: sie alle zu-erst in der vornehmsten Gesellschaft, insbesondere an den Höfen beliebt.So kam der Kaffee beispielsweise in Frankreich erst in Aufnahme,nachdem Ludwig XIV. beim Empfange der Gesandtschaft SultanMohammeds IV. (1670) Kaffee genossen und ihn daraufhin in Hofkreiseneingeführt hatte. Um diese Genußmittel gruppiert sich dann in denöffentlichen Kaffeehäusern ein neuer großstädtischer Luxus, auf den ichnoch zu sprechen komme.
b) Der Wohnluxus. Die Entfaltung des Wolmluxussteht im engsten Zusammenhänge mit der von uns ausführlichgewürdigten Entwicklung der Großstadt. Diese ist es, dieden Luxus der Wohnungen und Einrichtungen, wie er seitder Renaissance, namentlich aber seit dem Ende des 17. Jahr-hunderts mehr und mehr beliebt wird, wesentlich geförderthat. Sie tat es durch die Einschränkung des Lehens-spielraums, die notwendig im Gefolge der Zusammenballunggroßer Menschenmassen auf einem Flecke sich einstellenmußte, einerseits; durch die Einschränkung des personalgefärbten Luxus anderseits, die ebenfalls eintreten mußte,sobald der Seigneur seinen Wohnsitz in der Stadt aufschlug.Diese inneren und äußeren Beschränkungen, die die Lebens-haltung der reichen Leute in der Stadt erlebte, führten nun