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Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus
Wer aber trieb die Männer an, so viel Herrlichkeitenzu schaffen? Wir brauchen nicht lange zu fragen: die Woh-nung, in der die vornehme Gesellschaft des Ancien regime lebte, ist das Nest, das sich mit vieler Mühe und vielemBedacht das Weibeln n gebaut hat, um das Männchen an sichzu fesseln: das zeigt die Geschichte der Wohnungseinrichtungenmit aller nur zu wünschenden Deutlichkeit.
Wenn man so viel von der Erotik der Minnesängerzeitzu reden weiß: wo hätte sich denn das Liebesieben abspielensollen? In den Wäldern allenfalls. Denn die Burgen warendoch ganz gewiß kein Ort, um Schäferstündchen zu feiern.Jedenfalls müßte dann unter Liebesieben etwas ganz andereszu verstehen sein, als wir heute darunter verstehen. Gotikund Erotik reimen sich zwar, passen aber doch nicht zu-einander. Nein: auch hier schuf die Renaissance erst wiederdie äußeren Bedingungen für die von Grund aus neugestalteteLebensführung.
Alles, was wir heute unter einer eleganten oder behaglichenWohnungseinrichtung verstehen, wird zuerst im 15. und16. Jahrhundert in Italien geschaffen: durch die Renaissance,die ihrem ganzen Wesen nach sich den Anforderungen destäglichen Lebens besser anpaßte, als es der „einseitige, un-freie“ Dekorationsstil der Gotik vermocht hatte: weiche,elastische Betten tauchen auf; kostbare Bodenteppiche werdenin Gebrauch genommen; „Toilettengeräte, von welchen sonstnoch nirgends die Rede ist, lernt man besonders bei denNovellisten kennen. Die Menge und Zierlichkeit des Weiß-zeugs wird öfter ganz besonders hervorgehobon . ..“ 10H usw.Frauen werk! Mehr: Kurtisanen werk! Vielleicht das ersteWohnhaus im modernen Sinne, in dem Kunstsinn und Be-haglichkeit gleichermaßen heimisch waren, war die Farnesina:das Landhaus des reichen Agostino Chigi: gebaut für dieMaitresse dieses Finanzmannes, die schöne Venetianerin Moro-sina. Welch ein Abstand: der Luxus in diesem Heim einer