100 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761.
gebracht zu haben. Können wir den Plaz schöner anwenden, als wen»wir sie einrücken?
Lin junger Mensch, der, wen» er Briefe schrieb,
Die Sachen knusircich übertrieb,
Und wenig gern mit stolzen Formeln sagte,
Las einem klugen Mann ein Trauerschreiben vor,
Darum er einen Freund beklagte
Der seine Frau durch frühen Tod vcrlohr,
Und ihm mit vielen Schulwitz sagte,
Daß nichts gewisser wär, als daß er ihn beklagte.Ihr Brief, fiel ihm der Kenner ein,
Scheint mir zu schwer und zu studirt zu sey».
Was haben Sie denn sagen wollen?
„Daß mich der Fall des guten Freunds betrübt,
„Daß er ein Weib vcrlohr, die er mit Recht geliebt,
„Und meinem Wunsche nach stets hatte haben sollen;
„Daß ich von Lieb und Mitleid voll,
„Richt weiß, wie ich ihn trösten soll.
„Dieß ungefähr, dieß hab ich sagen wollen."Mein Herr, fiel ihm der Kenner wieder ein,
Warum sind sie sich denn durch ihre Kunst zuwider?
O schreiben Sie doch nur, was sie mir sagten, nieder:
So wird ihr Brief natürlich seyn.Kostet in den Voßischcn Buchhandlungen hier und in Potsdam 12 Nr.
(11. May.) Leipzig . Briefe der Nino» von Lcnclos an denMarquis von Sevigne, nebst den Briefen der Babet an denBoursault aus dem französischen überseyr. In der Vveideman-nischcn Handlung. 1761. Rinon von Lcnclos lebte zu einer Zeit, welchedazu bestimmt zu seyn schien, daß Frankreich alle Arten großer Geisterauf einmal beysammen sehen sollte. Die Schriftsteller, so viel ihrererwähnen, berichten uuS, daß ihr Verstand eben so viel Anmuth alsGründlichkeit besessen habe. Sie war eine Philosophin, aber eine lie-benswürdige Philosophin. Sie vereinigte alle Tugenden des männlichenGeschlechts mit den Annehmlichkeiten des ihrigen, dem zu Trotze siesich in die Zahl berühmter Männer erhoben hat. Ihr Haus war derSammelplatz aller gesitteten und durch ihren Witz beliebten Leute, dieHof und Stadt nur ausweisen konnten. Die tugendhaftesten Mütter