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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus

die mehr kosten, als der Arbeitslohn beträgt, Differenzierungder Arbeit in hochqualifizierte Zuschneidearbeit und speziali-sierte Näharbeit. Der Zuschneider verdient reichlich: er be-kommt außer den Abfällen (cabbage) und den Trinkgeldern,die ihm die Gentlemen hei der Anprobe zu geben pflegen,eine Guinee die Woche; gute Zuschneider sind gesucht. Dieübrigen Schneider sindso zahlreich wie Heuschrecken undgemeiniglicharm wie die Ratten; sie sind drei oder vierMonate im Jahre außer Stellung, also durchaus proletarischeExistenzen. Es mag daran erinnert werden, daß der Gewerk-verein der Schneider der erste ist, den wir kennen 240 .

Ganz großen Stil hatte schon im 18. Jahrhundert die feineDamenschneiderei und Putzmacherei angenommen: die schonöfters erwähnte Schneiderin Marie Antoinettes machte einenBankrott mit 8 Mill. Fr. Passiven 241 .

d) Lederarbeiter, ln der Schuhmacherei gelangtwie in der Schneiderei die feine Maßarbeit zuerst zu höherenFormen der Organisation. In Paris begegnen wir im 18. Jahr-hundert demMagazinmeister, wie ihn Kanter für Breslau geschildert hat 242 , der nur für vornehme Kundschaft arbeitet:Dieser Schuhmacher trägt einen schwarzen Rock, eine wohl-gepuderte Perücke, und seine Weste ist aus Seide; er hatdas Aussehen eines Registrators; er nimmt aber doch nochpersönlich bei der Frau Gräfin Maß.Seine Kollegen habenPech an den Fingern; sie tragen ramponierte Perücken undschmutzige Wäsche; aber (!) sie arbeiten für das Volk, siebekleiden nicht die Füßchen schöner Marquisen 248 .

Der Sattler, der Luxusgeschirre macht, istein wirk-lich bedeutender und nützlicher Geschäftsmann. Er mußeinen großen Vorrat flüssigen Geldes haben (a large Stockof ready money),da seine Materialien teuer sind und dievornehme Kundschaft (the Gentry) ihren Sattler nicht früherzu bezahlen pflegt als andere Lieferanten 244 . Damals im18. Jahrhundert befindet sich dieser Geschirrsattler just auf