Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges
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Sie hat ihre Schuldigkeit getan. Aber nun müssen wir wiedereinmal einen Schritt weiter tun. Wenn wir heute die „ökono-mistische Betrachtung“ der Geschichte, nachdem sie uns einMenschenalter hindurch Dienste geleistet hat, verabschieden,so entlassen wir sie mit den Gefühlen, mit denen man einenalten, treuen Dienstboten aufs Altenteil setzt, nicht weiler nichts taugt, sondern nur weil er alt geworden ist undnichts Beeiltes mehr leistet. Den man auch weiter nochin Ehren hält. Nicht sowohl, weil wir die „materialistischeGeschichtsauffassung“ für „falsch“ hielten, geben wir sie auf:sie ist nicht falscher und nicht richtiger wie irgendeineMethode zu einheitlicher Geschichtsbetrachtung. Als vielmehrdeshalb, weil sie keine Früchte mehr trägt. Sie ist un-ergiebig geworden: die Goldader, die sie mit sich führte, istabgebaut. Denn wahrhaftig: was in letzter Zeit mit ihrerHilfe an geschichtlichen Darstellungen zutage gefördert ist,ist taubes Gestein. Jetzt zumal, seit sie einen Bestandteileines politischen Parteiprogramms bildet, ist sie zu einemwahren Kinderschrecken geworden.
So werden wir denn auch das Problem „Krieg und Kapi-talismus “ aus der Umschlingung befreien müssen, in der esder historische Materialismus gefangen hält. Und das werdenwir am besten dadurch bewerkstelligen, daß wir die Frageeinmal umdrehen und nicht untersuchen: inwiefern ist derKrieg eine Folge des Kapitalismus, sondern: ist und inwieweitund weshalb ist der Kapitalismus eine Wirkung des Krieges.
In dieser strengen Form ist, soviel ich sehe, das Problemüberhaupt noch nicht gestellt worden. Obwohl eine MengeVersuche vorliegt, die Bedeutung des Krieges für „das Wirt-schaftsleben“ darzutun. Aber diese Fassung ist zu lax: wennwir nicht ganz genau unsere Betrachtung auf ein ganz be-stimmtes Wirtschaftssystem ausriehten, schlagen wir mit derStange im Nebel herum. „Historiker“!
Welcher Art können denn nun wohl die Wirkungen sein,
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